Bürgel: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Haus Bürgel''' ist eine denkmalgeschützte Hofanlage in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Urdenbacher_Kämpe Urdenbacher Kämpe] am rechten Niederrhein, die auf ein spätrömisches Grenzkastell des frühen 4. Jahrhunderts zurückgeht. Ursprünglich linksrheinisch gelegen und über eine direkte Landverbindung eng mit Zons verknüpft, wurde die Anlage durch einen Rheindurchbruch im Jahr 1374 physisch von Zons getrennt, blieb kirchenrechtlich aber bis 1593 deren Mutterkirche. Über das Mittelalter hinweg war Bürgel Lehen der [https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Deutz Abteien Deutz] und [[Brauweiler (Kloster)|Brauweiler]] sowie mehrerer Adelsfamilien, ehe es 1837 zum klassizistischen Herrenhaus umgebaut wurde. Seit den 1990er Jahren im Besitz der [https://de.wikipedia.org/wiki/Nordrhein-Westfalen-Stiftung_Naturschutz,_Heimat-_und_Kulturpflege Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege NRW], beherbergt Haus Bürgel heute die Biologische Station Urdenbacher Kämpe und das Römermuseum Haus Bürgel und gehört seit 2021 als Teil des [https://de.wikipedia.org/wiki/Niedergermanischer_Limes Niedergermanischen Limes] zum [https://de.wikipedia.org/wiki/UNESCO-Welterbe UNESCO-Weltkulturerbe].
'''Haus Bürgel''' ist eine denkmalgeschützte Hofanlage in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Urdenbacher_Kämpe Urdenbacher Kämpe] am rechten Niederrhein. Die Anlage geht auf ein spätrömisches Grenzkastell des frühen 4. Jahrhunderts zurück und gehört zu den bedeutendsten archäologischen Fundstätten am Niederrhein. Ursprünglich linksrheinisch gelegen, war Bürgel über eine direkte Landverbindung eng mit Zons verbunden. Erst der große Rheindurchbruch von 1374 trennte die Anlage dauerhaft von Zons und verlagerte sie auf die rechte Rheinseite. Die kirchenrechtliche Verbindung blieb jedoch noch Jahrhunderte bestehen. Haus Bürgel war seit dem Mittelalter ein bedeutendes Lehnsgut verschiedener geistlicher Institutionen und Adelsfamilien und wurde im 19. Jahrhundert zu einem modernen Gutshof mit klassizistischem Herrenhaus umgestaltet.
 
Seit den 1990er Jahren befindet sich die Anlage im Besitz der [https://de.wikipedia.org/wiki/Nordrhein-Westfalen-Stiftung_Naturschutz,_Heimat-_und_Kulturpflege NRW-Stiftung]. Heute beherbergt Haus Bürgel die Biologische Station Urdenbacher Kämpe und das Römermuseum Haus Bürgel. Seit dem 27. Juli 2021 gehört die Anlage als Bestandteil des [https://de.wikipedia.org/wiki/Niedergermanischer_Limes Niedergermanischen Limes] zum [https://de.wikipedia.org/wiki/UNESCO-Welterbe UNESCO-Weltkulturerbe].


== Geografische Lage, Naturraum und Flussdynamik ==
== Geografische Lage, Naturraum und Flussdynamik ==


=== Die Lage in der Urdenbacher Kämpe ===
=== Die Lage in der Urdenbacher Kämpe ===
Haus Bürgel liegt heute als solitäre, ununterkellerte Hofanlage inmitten einer weiten, flachen Triebebene, der sogenannten [https://de.wikipedia.org/wiki/Urdenbacher_Kämpe Urdenbacher Kämpe], nördlich des [https://de.wikipedia.org/wiki/Monheim_am_Rhein Monheimer] Ortsteils [https://de.wikipedia.org/wiki/Baumberg_(Monheim_am_Rhein) Baumberg] und südlich von [https://de.wikipedia.org/wiki/Urdenbach Düsseldorf-Urdenbach]. Naturräumlich ist dieser Bereich als hochwassergefährdete Fluss- und Auenlandschaft der Dormagener Rheinaue ausgeprägt. Da das Areal bei Rheinhochwassern regelmäßig überschwemmt wird, ist die Hofanlage in solchen Zeiten zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten. Der Gutshof selbst ruht auf einem tragfähigen, kiesigen Sandrücken inmitten einer Niederung, die fast kreisförmig von einem verlandeten Sumpfstreifen – dem ehemaligen Flussbett des "Alten Rheins" – umgeben ist. Durch die jahrhundertelange landwirtschaftliche Nutzung und die weitläufigen Weideflächen ist die Umgebung durch fruchtbare Auenböden charakterisiert, die historisch oft von schädigendem Hochwasser und Sandmassen überflutet wurden.
 
Haus Bürgel liegt heute als solitäre Hofanlage inmitten der weiten, flachen Auenlandschaft der [https://de.wikipedia.org/wiki/Urdenbacher_Kämpe Urdenbacher Kämpe], nördlich des Monheimer Ortsteils [https://de.wikipedia.org/wiki/Baumberg_(Monheim_am_Rhein) Baumberg] und südlich von [https://de.wikipedia.org/wiki/Urdenbach Düsseldorf-Urdenbach]. Die Anlage befindet sich etwa 850 Meter vom heutigen Rhein entfernt. Sie liegt auf einem tragfähigen, kiesigen Sandrücken innerhalb einer ansonsten hochwassergefährdeten Niederung. Bei größeren Rheinhochwassern kann die Hofanlage zeitweise von ihrer Umgebung abgeschnitten werden.
 
Die heutige Hofanlage besitzt eine annähernd rechteckige Grundfläche von etwa 66 × 79 Metern; die Südwestecke ist um rund 33 Meter abgeschrägt. Die heutige Situation ist jedoch das Ergebnis einer jahrhundertelangen Überformung. Der historische Standort ist wesentlich stärker durch die Dynamik des Rheins geprägt worden, als es das heutige Erscheinungsbild zunächst erkennen lässt.


=== Die ursprüngliche linksrheinische Lage ===
=== Die ursprüngliche linksrheinische Lage ===
In der Antike und während des gesamten frühen Mittelalters befand sich Haus Bürgel auf der linken Rheinseite. Geografisch gehörte das Areal zur linksrheinischen Uferterrasse und stand in direktem, ununterbrochenem Zusammenhang mit dem linksrheinischen Zonser Feld. Die römische Limesstraße (die heutige Bundesstraße 9) verlief linksrheinisch, und eine linksrheinische Wegverbindung (unmittelbar südlich parallel zur heutigen [[Aldenhovenstraße]]) führte von der Fernstraße geradlinig und barrierefrei direkt auf das spätrömische Kastell zu. Diese physische Landverbindung begründete auch die jahrhundertelange, enge rechtliche, gerichtliche und kirchliche Zugehörigkeit Bürgels zu Zons und dem kurkölnischen Amt Zons: Bis zu deren kirchenrechtlicher Verselbstständigung im Jahr 1593 fungierte Haus Bürgel als offizielle Mutterkirche für Zons (siehe Abschnitt "Hoch- und Spätmittelalter").


[[Datei:RoidkinZonsBuergel.jpg|300px|thumb|right|Zons und Haus Bürgel um 1735. Tuschzeichnung von Renier Roidkin.]]
In der Antike und während des Mittelalters lag Haus Bürgel auf der linken Rheinseite. Der Bürgeler Sandrücken stand unmittelbar mit dem linksrheinischen Zonser Feld in Verbindung. Die römische Fernstraße, deren Verlauf im Wesentlichen der heutigen [https://de.wikipedia.org/wiki/Bundesstraße_9 B 9] entspricht, verlief linksrheinisch. Von ihr führte eine weitere Wegverbindung in gerader Linie auf das spätrömische Kastell zu.
 
Diese geografische Situation war für die spätere Geschichte von Bürgel und Zons von erheblicher Bedeutung. Die unmittelbare Landverbindung erleichterte nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen, sondern bildete auch die Voraussetzung für die enge kirchenrechtliche Verflechtung beider Orte. Über Jahrhunderte war die Bürgeler Kirche mit Zons verbunden, wobei die traditionelle Forschung davon ausging, dass Bürgel die Mutterkirche und Zons deren Tochterkirche gewesen sei. Neuere Untersuchungen haben diese Vorstellung allerdings grundlegend in Frage gestellt; auf die Forschungskontroverse wird weiter unten eingegangen.
 
=== Der Rheindurchbruch von 1374 und seine Folgen ===
=== Der Rheindurchbruch von 1374 und seine Folgen ===
Die dynamischen Veränderungen des Flusslaufes im Talabschnitt zwischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Worringen Worringen], Zons und [https://de.wikipedia.org/wiki/Baumberg_(Monheim_am_Rhein) Baumberg] sind maßgeblich durch das Durchbrechen zweier großer Flussmäander geprägt: des Dormagener und des Bürgeler Rheinmäanders. Der Rhein, der im frühen Mittelalter noch unmittelbar an der Neusser Stadtmauer vorbeigeflossen war, verlagerte sein Bett im Laufe der Jahrhunderte kontinuierlich nach Osten. Während der Durchbruch der Dormagener Rheinschlinge bereits im 6. oder 7. Jahrhundert n. Chr. erfolgte, verengte sich der Wurzelbereich des Bürgeler Mäanders im Laufe des Spätmittelalters immer weiter, wodurch sich der Hauptstrom immer tiefer in die rechtsrheinische Niederterrasse zwischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Baumberg_(Monheim_am_Rhein) Baumberg] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Urdenbach Urdenbach] einschnitt.


Dieser fortlaufende Prozess gipfelte in einer verheerenden Naturkatastrophe: Zwischen Weihnachten 1373 und Mai 1374 führten extreme Niederschläge und die einsetzende Schneeschmelze zu einem fast drei Monate anhaltenden Rheinhochwasser, das die [https://de.wikipedia.org/wiki/Koelhoffsche_Chronik Koelhoffsche Chronik] als Jahrtausendflut beschreibt und dessen Pegelhöhe heute auf rund 12,30 Meter am Kölner Pegel geschätzt wird. In dieser Frühjahrshochflut von 1374 durchbrach der Rhein die schmale Landzunge im Bereich des Mäanderhalses nordöstlich von Zons. Durch diesen Durchbruch verlagerte sich der Hauptstrom des Rheins dauerhaft nach Westen. Haus Bürgel mitsamt seiner [[Maternuskapelle]] und den umliegenden Ländereien geriet dadurch auf die rechte, östliche Flussseite und wurde physisch vollständig von Zons getrennt.
Die Veränderungen des Rheinlaufes zwischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Worringen Worringen], Zons und [https://de.wikipedia.org/wiki/Baumberg_(Monheim_am_Rhein) Baumberg] sind durch das Durchbrechen großer Flussschlingen geprägt. Der Rhein verlagerte sein Bett im Laufe des Mittelalters wiederholt und tiefgreifend. Dabei bildete sich insbesondere der Bürgeler Rheinmäander heraus, dessen Wurzelbereich sich im Spätmittelalter zunehmend verengte.
 
Zwischen Weihnachten 1373 und Mai 1374 kam es infolge außergewöhnlich hoher Niederschläge und der einsetzenden Schneeschmelze zu einem lang anhaltenden Hochwasser. Die [https://de.wikipedia.org/wiki/Koelhoffsche_Chronik Koelhoffsche Chronik] überliefert das Ereignis als außergewöhnliche Flutkatastrophe. Der heutige Kölner Pegel lässt für dieses Hochwasser eine Höhe von etwa 12,30 Metern rekonstruieren.
 
Im Frühjahr 1374 durchbrach der Rhein die schmale Landzunge im Bereich des Mäanderhalses nordöstlich von Zons. Dadurch verlagerte sich Hauptstrom dauerhaft und Haus Bürgel wurde mit seinen Ländereien und der [[Maternuskapelle]] auf die östliche, nunmehr rechtsrheinische Seite des Stromes verlagert. Die bisherige direkte Landverbindung nach Zons war damit unterbrochen.
 
Der Zeitpunkt des Ereignisses lässt sich auch aus schriftlichen Quellen erschließen. Noch 1368 wurde die Lage Bürgels im Zusammenhang mit dem Tausch zwischen den [https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Deutz Abteien Deutz] und [[Brauweiler (Kloster)|Brauweiler]] als besonders günstig und nah beschrieben. Eine Zehnturkunde vom 1. Dezember 1375 bezeichnet den Pfarrbezirk dagegen ausdrücklich als auf beiden Seiten des Rheins gelegen und beschreibt Bürgel als von Wasser umgebenes Werth (''Burgelre werde''). Das alte Strombett, der [https://de.wikipedia.org/wiki/Urdenbacher_Altrhein Alte Rhein], blieb noch lange wasserführend und wurde beispielsweise 1437 nachweislich von einem Monheimer Fischmeister befischt.
 
Die politische und kirchenrechtliche Verbindung zwischen Zons und Bürgel wurde durch den Rheindurchbruch jedoch nicht unmittelbar beendet. Gerade diese Diskrepanz zwischen der natürlichen Trennung und der Fortdauer älterer Rechtsverhältnisse prägte die weitere Geschichte beider Orte.
 
== Archäologie und Antike: Das römische Kastell ==
 
=== Frühe kaiserzeitliche Vorgängerphase (1. bis 3. Jahrhundert) ===
 
Das heute sichtbare Kastell von Haus Bürgel entstand erst in der Spätantike. Die römische Nutzung des Bürgeler Sandrückens reicht jedoch wesentlich weiter zurück. Archäologische und historische Hinweise sprechen für eine Besiedlung beziehungsweise Nutzung bereits seit dem 1. Jahrhundert n. Chr.
 
Ein frühes Indiz sind die bereits 1729 bei Bauarbeiten am damaligen Burghaus entdeckten römischen Münzen. Unter ihnen befanden sich Silber- und Kupfermünzen aus den Regierungszeiten der Kaiser [https://de.wikipedia.org/wiki/Vespasian Vespasian] (69–79 n. Chr.) und [https://de.wikipedia.org/wiki/Trajan Trajan] (98–117 n. Chr.). Diese Funde belegen eine römische Nutzung des Platzes bereits in der frühen Kaiserzeit. Ob daraus allerdings unmittelbar auf ein militärisches Kastell oder einen Beobachtungsposten geschlossen werden kann, ist nicht sicher. Denkbar ist ebenso eine zivile Siedlungs- oder Nutzungsphase im Zusammenhang mit der wichtigen Verkehrs- und Schifffahrtsverbindung am Rhein.
 
Ein wesentlich stärkerer archäologischer Hinweis auf eine frühe römische Besiedlung ist ein östlich des spätantiken Kastells nachgewiesenes kaiserzeitliches Gräberfeld. In der Nähe der späteren Umfassungsgräben wurden Brandgräber der frühen und mittleren Kaiserzeit, also des 1. bis 3. Jahrhunderts, festgestellt. Hochrechnungen ergeben eine mögliche Zahl von etwa 70 bis 150 Bestattungen. Die zugehörige Siedlung konnte bislang nicht eindeutig lokalisiert werden. Das Gräberfeld belegt jedoch, dass sich auf dem Bürgeler Sandrücken bereits lange vor dem Bau des spätantiken Kastells eine bedeutende römische Bevölkerungs- oder Nutzungsgemeinschaft befand.
 
Hinzu kommen vier in späterer Zeit als Spolien verwendete [https://de.wikipedia.org/wiki/Matronen Matronensteine]. Die Weihesteine sind unter anderem den ''Matronae Aviaitinehae/Rumanehae'', den ''Alagabiae'' und den ''Aufaniae'' gewidmet. Ihre Zweitverwendung in der späteren Anlage zeigt, dass am Ort bereits in der Kaiserzeit eine entsprechende religiöse Kultpraxis bestand.
 
Damit zeichnet sich für Haus Bürgel eine deutlich längere römische Vorgeschichte ab, als sie allein aus dem spätantiken Kastell abzuleiten wäre. Die vorhandenen Befunde sprechen für eine kaiserzeitliche Siedlungs- oder Nutzungsphase, ohne dass sich daraus bislang eine eindeutig rekonstruierbare Vorgängerbefestigung ableiten lässt.
 
=== Erbauung und historischer Kontext des spätantiken Kastells ===
 
Das monumentale spätrömische Kastell wurde im frühen 4. Jahrhundert n. Chr., wahrscheinlich in der konstantinischen Epoche um 315 bis 330, errichtet. Es gehört damit in die Zeit der grundlegenden Neuorganisation der römischen Rheingrenze unter Kaiser [https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantin_der_Große Konstantin dem Großen].


Schriftliche Zeugnisse belegen den Zeitpunkt dieses Ereignisses eindrücklich: Während im Jahr 1368 beim Hofaustausch zwischen den [https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Deutz Abteien Deutz] und [[Brauweiler (Kloster)|Brauweiler]] die linksrheinische Lage Bürgels noch als "bequem und nah" beschrieben wurde, umschreibt eine Zehnturkunde vom 1. Dezember 1375 den Pfarrbezirk erstmals ausdrücklich als "auf beiden Seiten des Rheins" liegend, wobei Bürgel nun als auf einer vom Wasser umschlossenen "Insel" (''Burgelre werde'') bezeichnet wird. Das alte, verlandende Strombett, der [https://de.wikipedia.org/wiki/Urdenbacher_Altrhein "Alte Rhein"], blieb jedoch noch lange Zeit wasserführend und wurde nachweislich noch im 15. Jahrhundert (belegt für 1437) von einem Monheimer Fischmeister befischt.
Das Kastell besaß eine annähernd quadratische Innenfläche von 64 × 64 Metern und umfasste damit etwa 0,41 Hektar. In seiner Größe und seinem Aufbau steht es dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Kastell_Deutz Kastell Divitia] im heutigen Köln-Deutz nahe. Seine Lage unmittelbar am damaligen Rheinlauf machte Bürgel zu einem strategisch wichtigen Punkt für die Überwachung des Flusses und des gegenüberliegenden rechtsrheinischen Raumes.


== Archäologie und Spätantike: Das römische Kastell ==
Die Anlage war Bestandteil der spätantiken Befestigungsorganisation am Rhein. Ihre Funktion bestand nicht allein in der stationären Grenzsicherung, sondern auch in der Kontrolle des Verkehrs auf dem Fluss und der Verbindung zwischen den verschiedenen militärischen Stützpunkten am Niederrhein.


=== Erbauung und historischer Kontext ===
Ein Hortfund von 139 Bronzemünzen aus konstantinischer Zeit, der unter dem Boden einer römischen Badeanlage gefunden wurde, gehört zu den wichtigen Befunden für die Datierung und Nutzung des Kastells.
Das römische Kastell Haus Bürgel wurde im frühen 4. Jahrhundert nach Christus, in der konstantinischen Epoche (um 315–330 n. Chr.), als wehrhaftes Kleinkastell zur Grenzsicherung errichtet. Seine Entstehung war Teil des großangelegten Festungsprogramms unter [https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantin_der_Große Kaiser Konstantin dem Großen], das die rheinische Limeslinie gegen die beständigen Einfälle der vordringenden germanischen Stämme – insbesondere der [https://de.wikipedia.org/wiki/Franken_(Volk) Franken] – militärisch abriegeln sollte. Mit einer inneren quadratischen Grundfläche von 64 x 64 Metern (ca. 0,42 Hektar) stellt Bürgel einen charakteristischen spätrömischen Festungstypus dar, der in seiner Größe und Geometrie eine enge Parallele zum [https://de.wikipedia.org/wiki/Kastell_Deutz Kastell Divitia in Köln-Deutz] aufweist. Das Lager lag zu dieser Zeit strategisch auf der linken Rheinseite und sicherte an diesem exponierten Grenzabschnitt die Überwachung des Flusses sowie des rechtsrheinischen Umlandes.


=== Architektonischer Aufbau der Festung ===
=== Architektonischer Aufbau der Festung ===
'''Fundamentierung und Mauertechnik:''' Archäologische Untersuchungen haben gezeigt, dass die mächtige Festungsmauer auf einem tragfähigen kiesigen Sandrücken auf einem einheitlichen Holzpfostenrost gegründet wurde. Hierzu trieb man Pfosten aus Eichenholz mit einem Durchmesser von etwa 15 Zentimetern in einem lichten Abstand von rund 30 Zentimetern tief in den Boden. Die darauf errichteten Fundamente wiesen im Bodenbereich eine gewaltige Stärke von bis zu 2,30 Metern auf. Die Wehrmauer selbst bestand im Kern aus extrem widerstandsfähigem Gussbeton (''opus caementicium''), gefügt aus Tuffbruchsteinen und Mörtelkies, und war an den Außen- und Innenseiten mit sorgfältig behauenen Tuffsteinquadern verblendet. Zur statischen Stabilisierung und optischen Gliederung war das aufgehende Mauerwerk durch horizontal durchgehende rote Ziegelbänder unterbrochen.


'''Wehranlagen und Türme:''' Die Festungsarchitektur war streng wehrhaft konzipiert und besaß insgesamt zwölf Türme: vier runde Ecktürme mit einem Außendurchmesser von etwa 7,80 Metern sowie acht halbrunde, aus der Mauerflucht nach außen vorspringende Zwischentürme mit einem Durchmesser von 5,60 Metern, die das Entstehen toter Winkel bei der Verteidigung konsequent verhinderten. Das Kastell verfügte über zwei gegenüberliegende Tortürme an der West- und Ostseite (6,80 x 4,80 Meter), von denen das Westtor archäologisch freigelegt werden konnte. Dem Schutz der Festung diente nach spätrömischem Vorbild ein der Wehrmauer vorgelagerter Doppelgraben.
Die mächtige Kastellmauer wurde auf dem tragfähigen kiesigen Sandrücken gegründet. Archäologische Untersuchungen haben einen Holzpfostenrost aus Eichenpfählen nachgewiesen. Die Pfähle besaßen einen Durchmesser von etwa 15 Zentimetern und standen in relativ engem Abstand. Auf dieser Gründung errichtete man ein bis zu 2,30 Meter starkes Fundament. Das aufgehende Mauerwerk bestand im Kern aus ''opus caementicium'', also römischem Gussmauerwerk, das mit Tuffbruchsteinen und Mörtel hergestellt wurde. Außen und innen war die Mauer mit sorgfältig bearbeiteten Tuffquadern verblendet. Horizontale Bänder aus roten Ziegeln gliederten und stabilisierten das aufgehende Mauerwerk.
 
Die Befestigung besaß insgesamt zwölf Türme. An den vier Ecken standen runde Türme mit einem Außendurchmesser von etwa 7,80 Metern. Hinzu kamen acht halbrunde Zwischentürme mit einem Durchmesser von etwa 5,60 Metern. Ihre Anordnung ermöglichte eine wirkungsvolle Flankierung der Wehrmauer und verringerte die Zahl der bei der Verteidigung entstehenden toten Winkel. An der West- und Ostseite befanden sich gegenüberliegende Tore mit Tortürmen. Das Westtor konnte archäologisch freigelegt werden. Vor der Wehrmauer lag ein vorgelagerter Doppelgraben.
 
=== Die römische Kaimauer und die Hafenanlage ===


'''Die römische Kaimauer/Hafenanlage:''' Da das Kastell in der Antike direkt am Rheinstrom lag, ist für die Sicherung der römischen Rheinflotte sowie für den logistischen Nachschub die Existenz einer Hafenanlage beziehungsweise einer massiven Kaimauer anzunehmen. Auch wenn archäologische Reste einer solchen Hafenmole in Bürgel aufgrund der jahrhundertelangen Rheinerosion bislang nicht obertägig fassbar sind, wird davon ausgegangen, dass sie analog zum [https://de.wikipedia.org/wiki/Gelduba Kastell von Gelduba (Krefeld-Gellep)] aus senkrechten Eichenpfählen bestand, die durch mächtige lose Schüttungen aus schwerem Säulenbasalt und Deckplatten aus hellem Trachyt stabilisiert wurden.
Die Lage des Kastells unmittelbar am Rhein setzt eine enge Verbindung mit der Schifffahrt voraus. Für die Versorgung der Besatzung und die militärische Kontrolle des Flusses ist daher eine Hafen- beziehungsweise Kaimaueranlage anzunehmen. Archäologisch sind die entsprechenden Anlagen in Bürgel allerdings nicht in dem Umfang erhalten, wie dies für die Kastellmauer gilt. Nach Vergleichen mit anderen römischen Rheinbefestigungen wird eine Konstruktion aus senkrechten Eichenpfählen und einer schweren Steinpackung angenommen. Dabei dürften unter anderem Säulenbasalt und Trachyt verwendet worden sein. Gerade diese hochwertigen Natursteine waren für spätere Bauvorhaben besonders wertvoll.


=== Militärische Funktion und Besatzung ===
=== Militärische Funktion und Besatzung ===
Als Grenzfestung der Spätantike diente Haus Bürgel primär der Stationierung von germanischen und [https://de.wikipedia.org/wiki/Kelten keltischen] Auxiliartruppen (Hilfstruppen), die im Dienste der römischen Armee den Limes bewachten. In der Blütezeit des Kastells (ca. 330 bis 440 n. Chr.) lebten hier schätzungsweise bis zu 150 reguläre Infanteristen und ihre Familien, die unter anderem aus dem Elbe-Weser-Mündungsgebiet und aus [https://de.wikipedia.org/wiki/Böhmen Böhmen] stammten. Neben dieser stationären Grenztruppe (''limitanei'') fungierte Bürgel wahrscheinlich auch als Operationsbasis für mobile Heeresverbände (''comitatenses''), die bei plötzlichen Durchbrüchen flexibel im Hinterland eingesetzt werden konnten. Ein spektakulärer Beleg für die logistische Organisation und die spätere Materialbeschaffung ist ein im Fundament einer Bürgeler Kaserne entdeckter römischer Weihestein, der von Soldaten der [https://de.wikipedia.org/wiki/Ala_I_Noricorum Ala Noricorum] gestiftet worden war. Da diese 500 Mann starke, berittene Einheit im 2. Jahrhundert nach Christus im linksrheinischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Durnomagus Militärlager ''Durnomagus'' (Dormagen)] stationiert war, belegt diese Altar-Spolie eindrücklich, dass beim spätrömischen Festungsbau Baumaterialien (wie große Tuffquader und Grabmäler) aus dem verfallenen Dormagener Lager abgetragen und nach Bürgel geschafft wurden.
 
Haus Bürgel diente in der Spätantike als militärischer Stützpunkt der römischen Rheingrenze. Die Besatzung bestand offenbar zu einem erheblichen Teil aus Soldaten mit germanischem beziehungsweise regionalem Hintergrund. Die archäologischen Befunde lassen auf eine Besatzung von möglicherweise bis zu 150 Soldaten sowie deren Angehörigen schließen. Die Soldaten stammten teilweise aus weiter entfernten Regionen, unter anderem aus dem Elbe-Weser-Gebiet und aus Böhmen. Dies entspricht dem für die spätrömische Armee typischen Bild einer zunehmend aus unterschiedlichen ethnischen und regionalen Gruppen zusammengesetzten Grenzarmee.
 
Ein besonders aufschlussreicher Fund ist ein römischer Weihestein, der im Fundament eines spätantiken Gebäudes gefunden wurde und von Soldaten der [https://de.wikipedia.org/wiki/Ala_I_Noricorum ''ala Noricorum''] gestiftet worden war. Diese berittene Einheit war im 2. Jahrhundert im Militärlager ''Durnomagus'' im heutigen Dormagen stationiert. Der Fund zeigt, dass beim Bau des spätantiken Kastells ältere römische Bauteile und Steine aus der näheren Umgebung als Spolien wiederverwendet wurden.


=== Das Ende der römischen Epoche ===
=== Das Ende der römischen Epoche ===
Das Ende der römischen Kontrolle über das Kastell Bürgel ist eng mit den unruhigen Ereignissen der [https://de.wikipedia.org/wiki/Völkerwanderungszeit Völkerwanderung] und den fränkischen Vorstößen im 5. Jahrhundert verknüpft. Münzfunde, darunter eine wertvolle Goldmünze des [https://de.wikipedia.org/wiki/Flavius_Honorius Kaisers Honorius (395–423 n. Chr.)], belegen, dass das Kastell bis zum vorübergehenden Zusammenbruch der römischen Rheingrenze im Winter 406/407 aktiv besetzt blieb. In den darauffolgenden Jahrzehnten spitzten sich die kriegerischen Konflikte dramatisch zu. Die archäologischen Befunde deuten auf mindestens zwei schwerwiegende Belagerungen hin: eine am Ende des 4. Jahrhunderts und eine weitere im ersten Viertel des 5. Jahrhunderts, worauf die überstürzte Verbergung von Münzhorten im Kastellbereich hindeutet. Um 430 nach Christus (nach neueren Forschungen von [https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Fischer_(Archäologe) Thomas Fischer]) beziehungsweise um 450 nach Christus wurde das Kastell schließlich von fränkischen Kriegern erstürmt, weitgehend zerstört und dauerhaft erobert. Damit endete nach fast anderthalb Jahrhunderten die römische Herrschaft in Bürgel, und die einstige Grenzbefestigung ging als herrschaftliches Gut in das Eigentum der fränkischen Könige über.
 
Das Ende der römischen Herrschaft in Bürgel fällt in die Umbruchszeit des frühen 5. Jahrhunderts. Eine Goldmünze des Kaisers [https://de.wikipedia.org/wiki/Flavius_Honorius Honorius] belegt eine Nutzung des Kastells noch in der Zeit um 400 n. Chr. und steht damit im Zusammenhang mit der letzten Phase römischer Grenzsicherung am Niederrhein.
 
Die Aufgabe der römischen Rheingrenze im Winter 406/407 bedeutete nicht zwangsläufig eine sofortige Beendigung jeder Nutzung des Kastells. Die archäologischen Befunde weisen vielmehr auf eine von Konflikten und militärischen Auseinandersetzungen geprägte Übergangsphase hin. Mehrere Münzhorte sowie Spuren gewaltsamer Zerstörung lassen auf kriegerische Ereignisse und möglicherweise auf Belagerungen schließen.
 
Die Datierung der endgültigen Eroberung des Kastells ist in der Forschung nicht völlig einheitlich. Nach neueren Untersuchungen wird eine Zerstörung beziehungsweise Übernahme durch fränkische Gruppen teilweise bereits um 430 n. Chr. angenommen, während andere Datierungen bis etwa 450 reichen. Mit dem Ende der römischen Militärherrschaft ging der Platz in den fränkischen Herrschaftsbereich über.


=== Forschungs- und Grabungsgeschichte ===
=== Forschungs- und Grabungsgeschichte ===
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den verborgenen antiken Ruinen von Haus Bürgel reicht weit zurück. Als erster schriftlicher Bericht gilt die lateinische Abhandlung von Brosius (1731), der das Kastell noch mit zwölf obertägig sichtbaren Türmen beschrieb. Im Jahr 1855 veröffentlichte der Krefelder Schuldirektor Anton Rein eine erste detaillierte Monografie, in der er das Kastell fälschlicherweise mit der im römischen Straßenverzeichnis genannten Station [https://de.wikipedia.org/wiki/Buruncum ''Burungum'' (Worringen)] gleichsetzte. Die moderne, systematische Erforschung begann in den Jahren 1953 und 1959, als das [https://de.wikipedia.org/wiki/LVR-Landesmuseum_Bonn Rheinische Landesmuseum Bonn] unter der Leitung von [https://de.wikipedia.org/wiki/Waldemar_Haberey Waldemar Haberey (1901–1985)] den Baubestand präzise vermaß und erste Sondierungsschnitte anlegte.


Einen wissenschaftlichen Meilenstein markieren die ab 1993/1994 durchgeführten interdisziplinären Grabungskampagnen der [https://de.wikipedia.org/wiki/Universität_zu_Köln Universität zu Köln] unter der Leitung von [https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Fischer_(Archäologe) Thomas Fischer] in Kooperation mit der [https://de.wikipedia.org/wiki/Universität_Warschau Universität Warschau] unter Tomasz Mikocki. Diese Grabungen erbrachten reiches Fundmaterial aus den spätantiken Kasernenbauten und dokumentierten den Alltag der germanischen Soldatenfamilien. Unter der Leitung von [https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Gechter Michael Gechter (1946–2018, Rheinisches Amt für Bodendenkmalpflege)] wurden im Rahmen der Bauwerkssanierungen bis 2002 weitere Kasernenbauten freigelegt, die direkt in das Westtor einbanden. Dabei wurden spektakuläre Funde gesichert, wie ein Hort aus 139 Bronzemünzen aus der Zeit [https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantin_der_Große Konstantins] unter dem Boden einer Badeanlage sowie ein monumentaler Münzhort von über 800 Münzen (ca. 375–408 n. Chr.), der in einer Kaserne deponiert, jedoch in [https://de.wikipedia.org/wiki/Karolinger karolingischer Zeit] durch die Anlage einer Grabgrube gestört und im Kastellbereich zerstreut wurde.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Haus Bürgel reicht bis in das 18. Jahrhundert zurück. Bereits 1731 beschrieb Brosius in einer lateinischen Abhandlung die noch deutlich sichtbaren Reste des Kastells und erwähnte zwölf Türme.
 
Eine erste ausführliche Monografie veröffentlichte 1855 der Krefelder Schuldirektor Anton Rein. Rein identifizierte Haus Bürgel allerdings irrtümlich mit der im römischen Straßenverzeichnis genannten Station ''Burungum'', die tatsächlich mit Worringen in Verbindung gebracht wird. Die Gleichsetzung wurde später durch die Forschung widerlegt.
 
Die moderne archäologische Untersuchung begann insbesondere mit den Vermessungs- und Sondierungsarbeiten des Rheinischen Landesmuseums Bonn unter [https://de.wikipedia.org/wiki/Waldemar_Haberey Waldemar Haberey] in den Jahren 1953 und 1959.
 
Einen entscheidenden Fortschritt brachten die ab 1993/1994 durchgeführten Grabungen der [https://de.wikipedia.org/wiki/Universität_zu_Köln Universität zu Köln] unter der Leitung von [https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Fischer_(Archäologe) Thomas Fischer] in Zusammenarbeit mit der [https://de.wikipedia.org/wiki/Universität_Warschau Universität Warschau]. Die Untersuchungen erschlossen zahlreiche Befunde aus den spätantiken Kasernen- und Wirtschaftsgebäuden und ermöglichten neue Erkenntnisse über die Zusammensetzung und den Alltag der Besatzung.
 
Im Zusammenhang mit den Sanierungsarbeiten wurden unter Leitung von [https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Gechter Michael Gechter] bis 2002 weitere Bereiche des Kastells untersucht. Dabei konnten unter anderem Kasernenbauten freigelegt werden, die unmittelbar an das Westtor anschlossen.
 
Zu den bedeutenden Funden gehören der bereits erwähnte Hort von 139 Bronzemünzen aus konstantinischer Zeit sowie ein weiterer Münzhort von mehr als 800 Münzen aus der Zeit zwischen etwa 375 und 408 n. Chr. Dieser war ursprünglich in einem Kasernengebäude deponiert worden. In [https://de.wikipedia.org/wiki/Karolinger karolingischer] Zeit wurde der Fundzusammenhang durch die Anlage eines Grabes gestört, wodurch die Münzen im Kastellbereich verstreut wurden.


== Frühmittelalter: Fränkische Epoche und die Entstehung von St. Maternus ==
== Frühmittelalter: Fränkische Epoche und die Entstehung von St. Maternus ==


=== Übergang zum fränkischen Königsgut ===
=== Übergang zum fränkischen Königsgut ===
Nach dem Abzug der Römer und dem Ende der [https://de.wikipedia.org/wiki/Germania_inferior römischen Provinz Germania Inferior] im frühen 5. Jahrhundert übernahmen die [https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinfranken ripuarischen Franken] die Herrschaft am [https://de.wikipedia.org/wiki/Niederrhein_(Region) Niederrhein]. Dabei gingen die römischen Befestigungsanlagen, so auch das spätere Haus Bürgel, in das königliche Krongut der fränkischen Herrscher über. Über die darauffolgenden Jahrhunderte liegen für Haus Bürgel kaum verwendbare schriftliche Quellen vor. Dass das Areal dennoch kontinuierlich besiedelt blieb, lässt sich unter anderem an dem Deckel eines fränkischen Kindersarges ablesen, den die Forschung als Beleg für eine fränkische Besiedlung anführt. Erst gegen Ende des ersten Jahrtausends verdichten sich die konkreten Hinweise wieder: Zu dieser Zeit war das ehemalige Kastell vermutlich ein herrschaftlicher Stützpunkt (Krongut) der [https://de.wikipedia.org/wiki/Liudolfinger ottonischen Herrscher]. Bereits für das Jahr 980 ist überliefert, dass Kirche und Herrenhof Bürgel dem Kölner Ursulastift übertragen worden sein sollen, bevor das Gut im Jahr 1002 von [https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_III._(HRR) Kaiser Otto III.] an den [https://de.wikipedia.org/wiki/Heribert_von_Köln Kölner Erzbischof Heribert] übergeben wurde.
 
Nach dem Ende der römischen Herrschaft übernahmen [https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinfranken ripuarische Franken] die Herrschaft am [https://de.wikipedia.org/wiki/Niederrhein_(Region) Niederrhein]. Das ehemalige Kastell dürfte dabei in den Herrschaftsbereich der fränkischen Könige gelangt sein. Für die folgenden Jahrhunderte ist die schriftliche Überlieferung zu Bürgel allerdings sehr lückenhaft. Archäologische Funde zeigen jedoch, dass der Platz nicht aufgegeben wurde. Zu den bemerkenswerten Hinterlassenschaften gehört der Deckel eines fränkischen Kindersarges, der auf eine frühmittelalterliche Besiedlung hinweist.
 
Gegen Ende des ersten Jahrtausends verdichten sich die historischen Hinweise. Bürgel erscheint nun als herrschaftlicher Hof beziehungsweise als Teil des königlichen beziehungsweise [https://de.wikipedia.org/wiki/Liudolfinger ottonischen] Besitzes. Für das Jahr 980 wird eine Übertragung von Kirche und Herrenhof Bürgel an das Kölner Ursulastift überliefert. Im Jahr 1002 gelangte das Gut im Zusammenhang mit [https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_III._(HRR) Kaiser Otto III.] an den [https://de.wikipedia.org/wiki/Heribert_von_Köln Kölner Erzbischof Heribert].


=== Erzbischöflicher Besitz und die Deutzer Ära ===
=== Erzbischöflicher Besitz und die Deutzer Ära ===
[https://de.wikipedia.org/wiki/Heribert_von_Köln Erzbischof Heribert von Köln] gründete auf Grundlage einer Vereinbarung mit [https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_III._(HRR) Kaiser Otto III.] im Jahre 1003 das [https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Deutz Benediktinerkloster in Deutz]. Zur wirtschaftlichen Ausstattung dieser Neugründung schenkte Heribert dem Kloster am 3. Mai 1019 (in manchen Quellen auch auf 1020 datiert) bei der Einweihung der Abteikirche das ''Castrum etiam in Burgela'' mitsamt dem dazugehörigen Hof sowie die Kapelle in Zons mit ihrem Zehnten. Die Schenkungsurkunde, deren Original im 12. Jahrhundert durch Deutzer Chronisten wie Theodoricus Aedituus redigiert bzw. verunechtet wurde, belegt somit erstmals schriftlich eine Kirche in Zons. Diese Schenkung wurde im Jahr 1147 durch [https://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_III. Papst Eugen III.] bestätigt, in dessen Urkunde das Gut als "Schloss Bürgel mit dem Hofe und Kirche" bezeichnet wird.


Durch diese Schenkung erhielt das [https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Deutz Kloster Deutz] das [https://de.wikipedia.org/wiki/Kirchenpatronat Patronatsrecht] über die [[Maternuskapelle|Pfarrkirche St. Maternus]] in Bürgel und damit auch über die ihr kirchenrechtlich unterstellte Martinskapelle in Zons. Damit verbunden war das Recht zur Einweisung eines neuen Pfarrers (Investiturrecht). Im 12. Jahrhundert war das Gut an herrschaftliche Dienstmannen verlehnt – darunter die Familie der Ministerialen von Bürgel, die über Generationen die Lehnshoheit hielten und zeitweise auch das Amt des Pfarrers (''plebanus'') in Zons besetzten.
[https://de.wikipedia.org/wiki/Heribert_von_Köln Erzbischof Heribert von Köln] gründete 1003 das [https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Deutz Benediktinerkloster in Deutz]. Zur wirtschaftlichen Ausstattung der Neugründung übertrug er dem Kloster am 3. Mai 1019 beziehungsweise nach anderer Datierung 1020 das ''Castrum etiam in Burgela'' mit dem dazugehörigen Hof sowie die Kapelle in Zons mit ihrem Zehnten.
 
Die Überlieferung dieser Schenkung ist allerdings nicht unproblematisch. Das Deutzer Urkundenmaterial wurde im 12. Jahrhundert redaktionell überarbeitet und teilweise verfälscht. Gleichwohl bildet die Überlieferung einen wichtigen Ausgangspunkt für die Geschichte der Besitz- und Kirchenverhältnisse von Bürgel und Zons.
 
1147 bestätigte Papst [https://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_III. Eugen III.] die Rechte des Klosters. In der päpstlichen Urkunde erscheint Bürgel als ''castrum'' beziehungsweise Schloss mit Hof und Kirche.
 
Durch die Deutzer Besitzrechte entstand eine enge Verbindung zwischen dem Hof Bürgel und den dortigen kirchlichen Einrichtungen. Mit dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Kirchenpatronat Patronatsrecht] waren insbesondere Rechte an der Besetzung der Pfarrstelle und an den kirchlichen Einkünften verbunden.
 
=== Die Frage nach der Entstehung der Maternuskapelle ===
 
Der genaue Zeitpunkt der Errichtung einer dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Maternus heiligen Maternus] geweihten Kirche oder Kapelle in Bürgel lässt sich nicht sicher bestimmen. Ältere Forschung vermutete teilweise eine sehr frühe Entstehung bereits im Frühmittelalter, vereinzelt sogar in spätantiker Zeit. Für eine solche Datierung gibt es jedoch keinen unmittelbaren schriftlichen Nachweis.
 
Sicher ist, dass die spätere [[Maternuskapelle]] im Zentrum der ehemaligen Kastellanlage lag und damit unmittelbar an die römische Befestigung anknüpfte. Frühmittelalterliche Kirchen wurden nicht selten innerhalb oder unmittelbar auf spätantiken Kastellanlagen errichtet, wobei die vorhandenen römischen Mauern und Bauteile als Baumaterial genutzt werden konnten.
 
Auch der Maternuskult liefert einen chronologischen Hinweis. Im [https://de.wikipedia.org/wiki/Erzbistum_Köln Erzbistum Köln] ist eine stärkere Verbreitung des Maternuspatroziniums erst seit dem 9. Jahrhundert sicher nachweisbar. Eine frühmittelalterliche Entstehung oder Umwidmung der Bürgeler Kirche in dieser Zeit ist daher möglich.
 
Allerdings hat die jüngere Forschung die traditionelle Vorstellung, Bürgel sei von Anfang an die Mutterkirche von Zons gewesen, grundlegend in Frage gestellt.
 
== Hoch- und Spätmittelalter: Bürgel und Zons ==
 
=== Die Herren von Bürgel ===
 
Die enge Verflechtung von Bürgel und Zons lässt sich im Hochmittelalter insbesondere an der Familie der Herren von Bürgel beobachten. Angehörige dieser Familie treten seit dem 12. Jahrhundert als Ministeriale beziehungsweise Lehnsträger in den Quellen auf.
 
Für 1166, 1183 und 1218 ist ein Konrad von Bürgel (''Conradus de Burgela'') belegt; 1218 wird außerdem ein Hermann von Bürgel genannt. Besonders aufschlussreich ist eine Urkunde von 1257, in der Konrad von Bürgel als ''plebanus de Zunce'', also als Pfarrer von Zons, erscheint. Die Verbindung zwischen weltlichem Lehnsbesitz und geistlichen Pfründen war damit besonders eng.
 
1326 veräußerte Winrich von Bürgel mit Zustimmung seines Bruders Andreas, der als Pfarrer von Bürgel bezeichnet wird, das Schloss, die Hälfte der Ländereien und das damit verbundene Patronatsrecht für 1.400 kölnische Mark an die Abtei Deutz. Das Gut erhielt er anschließend als Erbpacht zurück.
 
=== Die Inkorporation in die Abtei Brauweiler ===


=== Die Gründung der Maternuskapelle ===
In der Mitte des 14. Jahrhunderts verschob sich die kirchenrechtliche Zuständigkeit. Angehörige der Familie Zobbe von Ingendorf standen mit Bürgel in enger Verbindung; Hermann Zobbe, ein [[Brauweiler (Kloster)|Brauweiler Benediktinermönch]], wurde 1361 Abt des Klosters.
Der genaue Erbauungszeitraum der dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Maternus heiligen Maternus] geweihten Kapelle im Zentrum des ehemaligen spätrömischen Kastells Haus Bürgel lässt sich quellenmäßig nicht exakt beziffern. Während ältere Vermutungen teilweise eine Entstehung bereits im 6. Jahrhundert annehmen, existieren auch Thesen, dass bereits in spätrömischer Zeit eine christliche Kapelle innerhalb der Kastellmauern bestanden haben könnte, wofür Funde aus anderen spätrömischen Lagern sprechen. Da am Niederrhein im Frühmittelalter Kirchenbauten häufig gezielt in spätrömische Kastellruinen gesetzt wurden, um die dort reichlich vorhandenen antiken Baumaterialien direkt als Spolien zu nutzen, ist ein solches Vorgehen auch für Bürgel anzunehmen.


Das Patronat des [https://de.wikipedia.org/wiki/Maternus heiligen Maternus] liefert hierbei einen wichtigen chronologischen Anhaltspunkt: Da der Maternuskult im [https://de.wikipedia.org/wiki/Erzbistum_Köln Erzbistum Köln] erst ab dem 9. Jahrhundert historisch nachweisbar ist, gilt eine Weihe bzw. Umwidmung der Kapelle in dieser Epoche als am wahrscheinlichsten. Bis weit in das Spätmittelalter hinein bildete dieses kleine, mitten im ehemaligen Kastellhof errichtete Gotteshaus den geistlichen Mittelpunkt und die offizielle Mutter- und Pfarrkirche für die gesamte linksrheinische Zonser Flur.
Am 11. Juni 1361 inkorporierte der Kölner Erzbischof [https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Gennep Wilhelm von Gennep] die Pfarrkirche in Bürgel einschließlich der Kapelle in Zons in die Abtei Brauweiler. Hintergrund waren unter anderem Auseinandersetzungen um das Patronatsrecht und die wirtschaftliche Situation des Klosters.


== Hoch- und Spätmittelalter: Bürgel als Mutterkirche von Zons ==
Am 20. Juli 1368 kam es schließlich zu einem umfangreichen Tausch zwischen den [https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Deutz Abteien Deutz] und Brauweiler. Brauweiler erhielt den Hof Bürgel mitsamt dem Patronat über die Maternuskirche und deren Tochterkapelle in Zons; im Gegenzug überließ es Deutz seinen Hof in [https://de.wikipedia.org/wiki/Bilk Bilk] mit den dortigen Patronatsrechten. Als Begründung wurde angegeben, dass die jeweiligen Besitzungen für die beiden Klöster jeweils näher und wirtschaftlich günstiger gelegen seien.


=== Das ritterliche Lehen unter den Herren von Bürgel ===
Brauweiler veräußerte das Gut bereits 1375 weiter, behielt jedoch das Patronatsrecht über die Bürgeler Kirche und die Kapelle in Zons sowie die großen und kleinen [[Zehnt]]en beiderseits des Rheins. Die seelsorgliche Verbindung blieb daher trotz des Besitzerwechsels bestehen.
Die kirchen- und besitzrechtliche Verflechtung der Regionen Bürgel und Zons lässt sich im Hochmittelalter vor allem an der ritterlichen Familie der Herren von Bürgel ablesen, die das Gut Bürgel als Lehen von der [https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Deutz Benediktinerabtei Deutz] erhalten hatten. Urkundlich treten verschiedene Familienmitglieder dieser Ministerialen des Kölner Erzbischofs ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Zeugen in Erscheinung. So ist für die Jahre 1166, 1183 und 1218 ein Konrad von Bürgel (''Conradus de Burgela'') nachweisbar, während für das Jahr 1218 zusätzlich ein Hermann von Bürgel (''Herimannus de Burgle'') genannt wird. Die enge Verknüpfung der Familie mit den kirchlichen Pfründen belegt das Jahr 1257, in dem derselbe Konrad von Bürgel als ''plebanus de Zunce'' (Pfarrer von Zons) in den Quellen aufgeführt ist. Im Jahr 1326 veräußerte schließlich Winrich von Bürgel (''Winricus de Burghile'') mit ausdrücklicher Zustimmung seines Bruders Andreas, welcher der amtierende Pfarrer in Bürgel (''pastor in Burghile'') war, das Schloss, die Hälfte der Ländereien sowie das daran gekoppelte Patronatsrecht der Pfarrkirche für 1.400 kölnische Mark an die Abtei Deutz. Winrich erhielt das herrschaftliche Gut im Anschluss als Erbpacht für einen jährlichen Zins von 120 (bzw. 150) Mark zurück.


=== Die Inkorporation in die Abtei Brauweiler (1368) ===
=== Die kirchenrechtliche Stellung von Zons: ältere und neuere Forschung ===
Nachdem in den 1350er Jahren die Familie Zobbe von Ingendorf – namentlich der Pächter Reinhard Zobbe und sein Bruder Hermann Zobbe, ein [[Brauweiler (Kloster)|Brauweiler Benediktinermönch]] und [[Pfarrer]] in Bürgel – die Seelsorge und Verwaltung innehatten, begann die feste Bindung an die Abtei Brauweiler, da Hermann Zobbe 1361 zum dortigen Abt gewählt wurde. Nach kriegerischen Streitigkeiten um das Patronatsrecht in Bürgel inkorporierte der [https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Gennep Kölner Erzbischof Wilhelm von Gennep] am 11. Juni 1361 die Pfarrkirche in Bürgel mitsamt der Kapelle in Zons in die Abtei Brauweiler, um zur finanziellen Gesundung des verarmten Klosters beizutragen. Um die Rechtsverhältnisse endgültig abzusichern, kam es am 20. Juli 1368 zu einem folgenschweren Tauschgeschäft zwischen den [https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Deutz Abteien Deutz] und Brauweiler: Brauweiler tauschte seinen Hof in [https://de.wikipedia.org/wiki/Bilk Bilk] mitsamt dessen Patronatsrechten gegen den Hof in Bürgel und das Patronat über die dortige [[Maternuskapelle|Maternuskirche]] mitsamt ihrer Tochterkapelle in Zons (''capella in villa dicta Zontze'') ein. Als Begründung wurde im lateinischen Tauschvertrag angeführt, dass Bilk für Deutz und Bürgel/Zons für Brauweiler jeweils "näher, nützlicher und bequemer" gelegen seien. Zum Ausgleich des höheren Ertrags von Bürgel verpflichtete sich Brauweiler zur Lieferung von jährlich 8 Malter Gerste an Deutz.


Obwohl Brauweiler das Gut aus wirtschaftlichen Gründen bereits 1375 weiterverkaufte (siehe Abschnitt "Besitzgeschichte ab dem Spätmittelalter"), behielt sich das Kloster das Patronatsrecht über die Pfarrkirche Bürgel und die Kapelle in Zons sowie die großen und kleinen [[Zehnt]]en beiderseits des Rheins (''Burgelrewerde und Zoynzeruelde'') dauerhaft vor, sodass die Seelsorge bis 1802 ununterbrochen durch Mönche aus Brauweiler geleistet wurde.
Die traditionelle Darstellung der Geschichte von Zons und Bürgel ging davon aus, dass St. Maternus in Bürgel die ursprüngliche Mutterkirche und die Kirche in Zons seit alters her deren Tochterkirche gewesen sei. Diese Vorstellung prägte lange Zeit auch die historische Literatur über Zons.


=== Das pfarrliche Kuriosum und der Loslösungsprozess von Zons ===
Die Untersuchungen von [[Marion Roehmer]] haben dieses Modell jedoch grundlegend in Frage gestellt. Danach sprechen die archäologischen Befunde eher für eine ältere kirchliche Tradition in Zons. Grabungen im Bereich des Zonser Schlosses haben Hinweise auf eine Holzkirche bereits im späten 8. Jahrhundert ergeben; um 1000 entstand dort eine erste steinerne Saalkirche. Demgegenüber ist eine Kirche in Bürgel erst im 12. Jahrhundert sicher urkundlich greifbar. Die päpstliche Bestätigung von 1147 nennt Bürgel mit Hof und Kirche. Nach dieser Interpretation war Zons daher nicht ursprünglich eine bloße Tochterkirche von Bürgel. Vielmehr könnte sich das Abhängigkeitsverhältnis erst im Hoch- und Spätmittelalter infolge territorialer und lehnsrechtlicher Machtverschiebungen herausgebildet haben. Besonders wichtig ist dabei das Jahr 1361: Erst in diesem Zusammenhang wird Zons in den überlieferten Rechtsverhältnissen ausdrücklich als abhängige Kapelle von Bürgel bezeichnet.
Nach dem Rheindurchbruch von 1374 (siehe Abschnitt "Geografische Lage, Naturraum und Flussdynamik") blieb die kirchenrechtliche Struktur trotz der natürlichen Trennung durch den Fluss zunächst unverändert bestehen, was zu einer kuriosen und für die Bevölkerung äußerst beschwerlichen Situation führte, da St. Maternus in Bürgel weiterhin die alleinige Pfarr- und Taufkirche blieb. Neugeborene Kinder mussten für das Sakrament der Taufe unter Lebensgefahr mit Ruderbooten über den reißenden Strom nach Bürgel gebracht werden. Um dieser Gefahr bei ungünstigem Wetter entgegenzuwirken, ordnete [https://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_II._von_Moers Erzbischof Dietrich von Moers] schließlich im Jahr 1423 die Errichtung eines eigenen Taufbeckens (Baptisteriums) in der 1408 geweihten neuen Zonser Kirche St. Martinus an. Dennoch blieb der pfarrliche Ehrenvorrang Bürgels bestehen: So waren die Zonser Christen bis ins 19. Jahrhundert hinein verpflichtet, alljährlich am Karsamstag in einer feierlichen Prozession über den Rhein nach Bürgel zu pilgern, um dort das Taufwasser für die Zonser Kirche segnen zu lassen und abzuholen.


Dieser Zustand änderte sich erst am 17. Dezember 1593 durch eine historische Urkunde des [https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Gropper Kölner Generalvikars Peter Gropper]. Gropper trennte die [[Pfarrkirche St. Martinus (alte)|Martinskirche]] in Zons offiziell von der Mutterkirche ab und verlieh ihr die vollen Pfarrrechte, was er explizit mit der Unwegsamkeit der Rheinüberquerung und der gewachsenen Bedeutung von Zons als Stadt begründete. Fast alle Pfarreinkünfte wurden nach Zons übertragen; Bürgel behielt lediglich den nominellen Ehrentitel der "Mutterkirche".
Damit ist die ältere Vorstellung eines seit spätrömischer Zeit bestehenden Mutter-Tochter-Verhältnisses nicht mehr als gesicherte Tatsache anzusehen. Für die Geschichte von Zons ist vielmehr zwischen der archäologisch fassbaren frühen Kirche in Zons und der späteren, im Mittelalter entstandenen kirchenrechtlichen Abhängigkeit zu unterscheiden.


=== Das kirchenrechtliche Ende ===
=== Der Rheindurchbruch von 1374 und die kirchenrechtlichen Folgen ===
Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts verfiel der gottesdienstliche Ritus in der Maternuskapelle zunehmend, da die jeweiligen Pächter (Halfen) des Gutes Bürgel [https://de.wikipedia.org/wiki/Calvinismus Calvinisten] waren, die in der reformierten Gemeinde im rechtsrheinischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Urdenbach Urdenbach] eine führende Rolle spielten und kein Interesse am Erhalt des katholischen Gotteshauses zeigten. Der Kirchhof wurde zeitweise als Misthaufen (''Koet Mistpoel'') zweckentfremdet, und die Pächter verweigerten dem Zonser [[Pfarrer]] sogar zeitweise den Schlüssel zur Kirche. Um eine protestantische Okkupation der Kapelle zu verhindern, ordnete das [[Domkapitel]] an, dass der Kaplan bei seinen Fahrten zur Messe in Bürgel stets von zwei bis drei Personen begleitet werden müsse. Ab dem Jahr 1750 taucht Bürgel in den kirchlichen Registern nicht mehr als eigenständige Pfarrkirche auf.


Über den vollständigen Abbruch und den anschließenden Neubau der Kapelle in den Jahren 1774 bis 1776 existieren detaillierte Überlieferungen in den [[Schwieren-Chroniken|chronikalischen Aufzeichnungen]] des Zonser [[Küster]]s [[Johannes Hermann Schwieren]] sowie in den zugehörigen historischen Abhandlungen. Im Jahr 1774 wurde die alte, baufällige Kapelle in Bürgel demnach bis auf den Grund abgebrochen. Da der Neubau zu Ostern am 7. April 1776 noch nicht fertiggestellt war, kam es zu einer bemerkenswerten Ausnahme der jahrhundertealten Tradition: Das Taufwasser konnte nicht wie üblich in Bürgel geweiht werden, sondern musste in Zons durch den Kaplan gesegnet werden.  Am 15. Juli 1776 wurde die fertiggestellte neue Kapelle schließlich feierlich geweiht. Die im 18. Jahrhundert neu errichtete Kapelle wies bis zu ihrem endgültigen Abriss im Jahr 1916 typische bauliche Merkmale dieser Epoche auf. Es handelte sich um einen kleinen, einschiffigen und flachgedeckten Saalbau von etwa 7 x 10 Metern Größe mit einem kleinen, eingezogenen dreiseitigen beziehungsweise polygonalen Chor. Während die Tür und die mit flachen Bögen geschlossenen Fenster aus diesem barocken Neubau stammten, blieb ein einziges spitzbogiges, vermauertes Fenster an der Südseite als Überrest des mittelalterlichen Vorgängerbaus erhalten. Ein niedriger Triumphbogen führte in den Chorraum, vor dem sich der Altar befand, und im Ostgiebel direkt über dem Chor war ein geheimnisvoller, roh behauener menschlicher Kopf aus Stein eingelassen, den der Volksglaube lange Zeit als heidnisches Überbleibsel deutete.
Der oben beschriebene Rheindurchbruch von 1374 (siehe Abschnitt "Der Rheindurchbruch von 1374 und seine Folgen") verschärfte die praktische Problematik der kirchenrechtlichen Verbindung: Bürgel lag nun rechtsrheinisch, Zons blieb linksrheinisch.


Mit dem Einmarsch der französischen Revolutionstruppen im Herbst 1794 und der anschließenden Neuordnung der linksrheinischen Territorien wurde im Jahr 1806 unter dem Aachener Bischof Marc Antoine Berdolet eine radikale Neugliederung der Pfarreien vorgenommen. Zons wurde als Sukkursalkirche im Kanton Dormagen eingerichtet, während das nunmehr im Ausland ([https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fherzogtum_Berg Großherzogtum Berg]) liegende Bürgel kirchenrechtlich endgültig abgetrennt wurde. Den endgültigen Schlussstrich zog der [https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_von_Geissel Kölner Erzbischof-Koadjutor Johannes von Geissel] am 16. November 1843, indem er die Pfarrei Bürgel aufgrund von Mittellosigkeit förmlich aufhob und das Areal der rechtsrheinischen Pfarrei [https://de.wikipedia.org/wiki/Monheim_am_Rhein Monheim] (bzw. [https://de.wikipedia.org/wiki/Baumberg_(Monheim_am_Rhein) Baumberg]) einpfarrte. Die geschichtsträchtige [[Maternuskapelle]] im Burghof wurde schließlich im Jahr 1916 vollständig abgebrochen (zum baulichen Zustand vor dem Abbruch siehe Abschnitt "Baugeschichte und architektonische Entwicklung").
Nach der traditionellen Überlieferung blieb St. Maternus in Bürgel zunächst die maßgebliche Pfarr- und Taufkirche. Für die Bewohner von Zons bedeutete dies erhebliche praktische Schwierigkeiten. Die Taufe von Kindern erforderte grundsätzlich die Überquerung des Rheins.


== Besitzgeschichte ab dem Spätmittelalter (Ritter- und Allodialgut) ==
Um diese Situation zu entschärfen, wurde 1423 unter Erzbischof [https://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_II._von_Moers Dietrich von Moers] in der 1408 geweihten Zonser Kirche St. Martinus ein eigenes Taufbecken eingerichtet. Die ältere Verbindung zu Bürgel blieb jedoch weiterhin sichtbar. Noch lange bestand die Tradition, am Karsamstag nach Bürgel zu ziehen und dort das Taufwasser für Zons segnen zu lassen.


=== Verkauf an Gerhard von Kniprode und Lehensauftragung (1375/1378) ===
Erst am 17. Dezember 1593 wurde die [[Pfarrkirche St. Martinus (alte)|Martinskirche]] in Zons durch eine Urkunde des Kölner Generalvikars [https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Gropper Peter Gropper] vollständig von der bisherigen kirchenrechtlichen Abhängigkeit gelöst. Gropper verlieh der Kirche die vollen Pfarrrechte und begründete dies insbesondere mit der beschwerlichen Rheinüberquerung sowie der gewachsenen Bedeutung von Zons als Stadt. Die wesentlichen Pfarreinkünfte wurden nach Zons übertragen; Bürgel behielt lediglich die historische Stellung als Mutterkirche beziehungsweise den damit verbundenen Ehrenvorrang.
Nachdem das [[Brauweiler (Kloster)|Benediktinerkloster Brauweiler]] im Jahr 1368 Haus Bürgel im Zuge des mit der [https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Deutz Abtei Deutz] geschlossenen Tauschgeschäfts erworben hatte, zwangen drückende Schulden und wirtschaftliche Notlagen die Mönche schon bald zu drastischen Maßnahmen. Obwohl testamentarische Bestimmungen des vorherigen Eigentümers Reinhard Besendriesch einen Verkauf des Hofes ausdrücklich untersagten, veräußerte die Abtei unter Abt Hermann II. Zobbe das Gut im Dezember 1375 für 4.000 Gulden an den Ritter Gerhard von Kniprode. Gerhard von Kniprode, dessen Familie im Monheimer Raum einflussreich war, vollzog im Jahr 1378 einen politisch folgenschweren Schritt: Er trug Haus Bürgel mit fünf Hufen Ackerland und zweieinhalb Hufen Weiden dem [[Friedrich von Saarwerden|Kölner Erzbischof Friedrich III. von Saarwerden]] als kurkölnisches Mannlehen auf. Damit war das zuvor von bergischen Ansprüchen umgebene Gut kirchen- und lehensrechtlich fest an [https://de.wikipedia.org/wiki/Kurk%C3%B6ln Kurköln] gebunden, was der erzbischöflichen Macht einen strategischen rechtsrheinischen Brückenkopf verschaffte.


=== Der territoriale Grenzstreit ===
=== Das kirchenrechtliche Ende von Bürgel ===
Die lehensrechtliche Bindung an [https://de.wikipedia.org/wiki/Kurk%C3%B6ln Kurköln] legte den Grundstein für jahrhundertelange, oft erbitterte Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem kurkölnischen [[Amt Zons]] und dem bergischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Amt_Monheim_(Herzogtum_Berg) Amt Monheim]. Die Gerichtshoheit über das Gut und das umgebende Bürgeler Werth blieb bis zum Ende des Alten Reiches im Jahr 1794 ein ständiger Zankapfel. Während die Zonser Schöffen bereits in einem Protokoll von 1443 postulierten, dass die Bewohner Bürgels als Nachbarn zu allen Diensten und Abgaben an das Zonser Gericht verpflichtet seien, beharrte die bergische Seite auf ihrer territorialen Souveränität. So protestierte [https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_(J%C3%BClich-Berg) Herzog Wilhelm von Jülich-Berg] im Jahr 1504 scharf beim [https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_von_Hessen_(1450%E2%80%931508) Kölner Erzbischof Hermann IV.] und betonte, Bürgel gehöre seit alters zum bergischen Amt Monheim. Die Positionen blieben unversöhnlich, doch im alltäglichen Vollzug verlor Kurköln im Laufe der Jahrhunderte immer mehr an Boden: Eine kölnische Untersuchungskommission stellte 1698 ernüchtert fest, dass Berg im tatsächlichen Besitz der Jurisdiktion über Bürgel sei und die dortigen Eigentümer sich je nach eigenem Nutzen mal an Köln, mal an Berg anlehnten.


=== Exkurs: Der Kriminalfall von 1739 ===
Im 17. und 18. Jahrhundert verschlechterte sich der Zustand der [[Maternuskapelle]] zunehmend. Die jeweiligen Pächter des Gutes waren teilweise [https://de.wikipedia.org/wiki/Calvinismus reformierten] Glaubens und standen der katholischen Nutzung der Kapelle offenbar wenig aufgeschlossen gegenüber. Der Kirchhof wurde zeitweise zweckentfremdet, und es kam sogar vor, dass dem Zonser [[Pfarrer]] der Zugang zur Kapelle erschwert wurde. Das Kölner [[Domkapitel]] versuchte, die katholische Nutzung zu sichern. Unter anderem wurde angeordnet, dass der Kaplan bei seinen Fahrten nach Bürgel von mehreren Personen begleitet werden sollte.
Wie tief die Gräben dieses Jurisdiktionsstreits waren, zeigte sich am 9. Januar 1739 bei einem tragischen Kriminalfall im Hausflur des Gutes. An diesem Tag wurde der erst 16-jährige Schweinehirt Wilhelm Heinrich Burbach (gebürtig aus Baumberg) um die Mittagszeit auf den Stufen des Bürgeler Hausflurs durch einen namentlich bekannten Baumberger mit einem Messer mitten ins Herz erstochen. Die Tragödie weitete sich sofort zu einer handgreiflichen Konfrontation aus: Um zu verhindern, dass das [[Schöffengericht|Zonser Gericht]] die gesetzlich vorgeschriebene Leichenschau vornahm, besetzten bergische Schützen aus Baumberg auf Befehl des Monheimer Vogts das Gut mit Waffengewalt. Die Monheimer Schöffen nahmen den Toten in Augenschein, ließen ihn im "Milchstübgen" sezieren und anschließend eilig auf dem Bürgeler Kirchhof begraben.


Das [[Domkapitel|Kölner Domkapitel]] meldete diesen schweren Übergriff auf seine Gerichtshoheit der kurfürstlichen Regierung. Auf Anordnung des Kapitels setzten die Zonser Gerichtsbeamten daraufhin entschlossen über den Rhein nach Bürgel über. Sie gruben den bereits bestatteten Leichnam des Jünglings kurzerhand wieder aus, vollzogen im Namen Kurkölns eine eigene, rechtmäßige Leichenschau und ließen ihn danach wieder beisetzen. Dieser spektakuläre Vorfall diente beiden Seiten als demonstrativer Akt zur Wahrung ihrer territorialen Ansprüche.
Seit etwa 1750 erscheint Bürgel in den kirchlichen Registern nicht mehr als eigenständige Pfarrkirche. Die endgültige kirchenrechtliche Neuordnung erfolgte im Zusammenhang mit der französischen Besetzung und der territorialen Neuordnung des Rheinlandes. Nach der Eingliederung Bürgels in das rechtsrheinische [https://de.wikipedia.org/wiki/Großherzogtum_Berg Großherzogtum Berg] war die alte Verbindung zu Zons auch territorial aufgehoben.
 
1843 hob der Kölner Erzbischof-Koadjutor [https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_von_Geissel Johannes von Geissel] die Pfarrei Bürgel wegen ihrer Mittellosigkeit förmlich auf und pfarrte das Gebiet der rechtsrheinischen Pfarrei [https://de.wikipedia.org/wiki/Monheim_am_Rhein Monheim] beziehungsweise [https://de.wikipedia.org/wiki/Baumberg_(Monheim_am_Rhein) Baumberg] ein.
 
Die Maternuskapelle selbst bestand noch bis ins frühe 20. Jahrhundert. Wegen ihres schlechten baulichen Zustands wurde sie 1916 endgültig abgebrochen.
 
== Besitzgeschichte ab dem Spätmittelalter ==
 
=== Verkauf an Gerhard von Kniprode und Lehensauftragung 1375/1378 ===
 
Brauweiler verkaufte Haus Bürgel im Dezember 1375 unter Abt Hermann II. Zobbe für 4.000 Gulden an den Ritter Gerhard von Kniprode. Damit endete die unmittelbare klösterliche Grundherrschaft über den Hof.
 
1378 vollzog Gerhard von Kniprode einen für die weitere Territorialgeschichte bedeutenden Schritt. Er trug Haus Bürgel zusammen mit fünf Hufen Ackerland und zweieinhalb Hufen Weideland dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Saarwerden Kölner Erzbischof Friedrich III. von Saarwerden] als kurkölnisches Mannlehen auf.
 
Bürgel wurde damit formal in das kurkölnische Lehnswesen eingebunden. Die Lage des Gutes war territorial allerdings kompliziert, da sowohl Kurköln als auch das Herzogtum Berg Ansprüche auf den Raum erhoben.
 
=== Der territoriale Grenz- und Jurisdiktionsstreit ===
 
Aus der lehensrechtlichen Bindung an [https://de.wikipedia.org/wiki/Kurköln Kurköln] entwickelten sich jahrhundertelange Streitigkeiten zwischen dem kurkölnischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Amt_Zons Amt Zons] und dem bergischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Amt_Monheim_(Herzogtum_Berg) Amt Monheim].
 
Im Kern ging es um die Frage, welcher Herrschaft die Gerichtshoheit über Haus Bürgel und das umliegende Bürgeler Werth zustand. Die Zonser Schöffen vertraten bereits 1443 die Auffassung, dass die Bewohner Bürgels den Verpflichtungen gegenüber dem Zonser Gericht unterlägen. Die bergische Seite beharrte dagegen darauf, Bürgel gehöre zum Amt Monheim.
 
Auch im 16. Jahrhundert setzte sich der Konflikt fort. 1504 protestierte Herzog [https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_(Jülich-Berg) Wilhelm von Jülich-Berg] beim Kölner Erzbischof [https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_von_Hessen_(1450–1508) Hermann IV.] gegen die kurkölnischen Ansprüche und verwies darauf, dass Bürgel seit alters zum bergischen Amt Monheim gehöre.
 
Im Laufe der Zeit gewann Berg im tatsächlichen Vollzug zunehmend Einfluss. Eine kurkölnische Untersuchung von 1698 stellte fest, dass die bergische Seite die Jurisdiktion über Bürgel faktisch ausübte und sich die jeweiligen Besitzer des Gutes je nach Vorteil bald an Köln, bald an Berg orientierten.
 
=== Ein Kriminalfall 1739 ===
 
Wie konkret dieser Jurisdiktionskonflikt werden konnte, zeigt ein spektakulärer Vorfall vom 9. Januar 1739. An diesem Tag wurde der erst 16-jährige Schweinehirt Wilhelm Heinrich Burbach aus Baumberg auf den Stufen des Bürgeler Hausflurs von einem Baumberger mit einem Messer tödlich verletzt. Der Täter war namentlich bekannt. Unmittelbar danach entbrannte ein Streit zwischen den konkurrierenden Gerichten. Bergische Schützen aus Baumberg besetzten auf Befehl des Monheimer Vogts das Gut, um eine Leichenschau durch das [[Schöffengericht|Zonser Gericht]] zu verhindern. Die Monheimer Schöffen untersuchten den Leichnam und ließen ihn anschließend auf dem Bürgeler Kirchhof bestatten.
 
Das [[Domkapitel|Kölner Domkapitel]] wertete das Vorgehen als Eingriff in die eigene Gerichtshoheit. Auf seine Anordnung setzten Zonser Gerichtsbeamte über den Rhein, gruben den bereits bestatteten Leichnam wieder aus und führten eine eigene Leichenschau im Namen Kurkölns durch. Anschließend wurde der Tote erneut bestattet. Der Vorfall war damit weit mehr als ein lokaler Kriminalfall: Er wurde zu einem demonstrativen Akt im jahrhundertealten Streit um die territoriale und gerichtliche Zugehörigkeit von Haus Bürgel.


=== Die Besitzerfamilien ===
=== Die Besitzerfamilien ===
Die Besitzgeschichte von Haus Bürgel nach der Ära der Kniprodes spiegelt den Wandel regionaler Machtverhältnisse wider. Durch die Ehe von Gerhards Tochter gelangte das Gut im Jahr 1413 an den Ritter Heinrich van Boemelbergh. In der nachfolgenden Generation ging Bürgel im Erbgang an die [https://de.wikipedia.org/wiki/Grafschaft_Limburg Grafen von Limburg] über (darunter an die Linie Limburg, Herren zu Broich). Da die Familie im späten 17. Jahrhundert im Mannesstamm erlosch und eine Belehnung weiblicher Nachkommen nach kurkölnischem Lehensrecht ausgeschlossen war, verkauften die Erbinnen Bürgel im Jahr 1698 an den Freiherrn Franz von Nesselrode.


Damit begann die dauerhafte Ära der Familie Droste von Vischering-Nesselrode-Reichenstein (mit Sitz auf [https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Herten Schloss Herten]), in deren Besitz das Gut bis in das 20. Jahrhundert verbleiben sollte. Nach dem Tod von Franz von Nesselrode im Jahr 1707 übernahm sein Sohn, der Reichsgraf Bertram Carl von Nesselrode und Reichenstein († 1744), die Lehnsherrschaft. Da die gräflichen Besitzer als bergische Untertanen und teils als Amtsleute von Monheim agierten, begünstigte diese Familienkonstellation langfristig den Übergang der tatsächlichen Landeshoheit an das Herzogtum Berg, obwohl das Gut formal bis zur Säkularisation ein Kölner Lehen blieb.
Nach Gerhard von Kniprode gelangte Haus Bürgel durch die Heirat seiner Tochter 1413 an den Ritter Heinrich van Boemelbergh. In der Folgezeit kam das Gut im Erbgang an die [https://de.wikipedia.org/wiki/Grafschaft_Limburg Grafen von Limburg], darunter die Linie Limburg, Herren zu Broich. Als die Familie im späten 17. Jahrhundert im Mannesstamm ausstarb und eine weibliche Belehnung nach den kurkölnischen Lehnsbestimmungen nicht möglich war, verkauften die Erbinnen das Gut 1698 an den Freiherrn Franz von Nesselrode.
 
Damit begann die bis in das 20. Jahrhundert reichende Besitzgeschichte der Familie Droste von Vischering-Nesselrode-Reichenstein (mit Sitz auf [https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Herten Schloss Herten]). Nach Franz von Nesselrodes Tod 1707 übernahm sein Sohn Bertram Carl von Nesselrode und Reichenstein die Lehnsherrschaft. Die Besitzer waren zugleich in den bergischen Herrschaftsbereich eingebunden, teilweise auch als Amtsträger von Monheim tätig. Dadurch verstärkte sich der bereits bestehende Gegensatz zwischen der formalen kurkölnischen Lehnshoheit und der tatsächlichen bergischen Territorial- und Gerichtshoheit.


== Baugeschichte und architektonische Entwicklung ==
== Baugeschichte und architektonische Entwicklung ==


=== Der Untergang der Bürgeler Auenhöfe ===
=== Der Untergang der Bürgeler Auenhöfe ===
Das mittelalterliche Bürgel war weder ein geschlossenes Dorf noch ein einfacher Einzelhof, sondern eine aus mindestens drei bis vier Höfen bestehende, lockere Gruppensiedlung (Weiler). Zu diesem historischen Siedlungskomplex gehörten der Große Hof zu Bürgel, der Hof auf dem Driesch (Driesch-Hof), der Hof auf der Scheuern (Scheuern-Hof) sowie der herrschaftliche Bauhof. Davon lagen der Große Hof und der Driesch-Hof nachweislich innerhalb der hochwassergefährdeten Rheinschlinge. Letzterer befand sich im Jahr 1418 "zwischen dem Hof zu Bürgel und dem alten Rhein", wurde jedoch in der Folgezeit direkt zum Hof Bürgel gezogen. In unmittelbarer Nachbarschaft muss auch der Bauhof gestanden haben, den Winrich von Bürgel (''Winricus de Burgele'') im Jahr 1326 mitsamt seinem Wohnhaus, Wirtschaftsgebäuden und einem Baumgarten innerhalb der alten Kastellmauern an die [https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Deutz Abtei Deutz] verkaufte. Die genaue Lage des Hofes auf der Scheuern lässt sich heute nicht mehr exakt lokalisieren; sein spurloses Verschwinden deutet jedoch zwingend darauf hin, dass auch er innerhalb der Rheinschlinge lag und im Laufe der Jahrhunderte von den ungebändigten, erodierenden Fluten des Rheins weggespült und zerstört wurde.
 
Das mittelalterliche Bürgel war keine geschlossene Dorfsiedlung, sondern bestand aus einer lockeren Gruppe mehrerer Höfe. Zu diesem Siedlungskomplex gehörten der Große Hof zu Bürgel, der Hof auf dem Driesch, der Hof auf der Scheuern und der herrschaftliche Bauhof.
 
Der Große Hof und der Driesch-Hof lagen innerhalb der hochwassergefährdeten Rheinschlinge. Der Driesch-Hof wird 1418 ausdrücklich als zwischen dem Hof Bürgel und dem Alten Rhein gelegen bezeichnet. Später wurde er unmittelbar zum Hof Bürgel gezogen.
 
Der herrschaftliche Bauhof lag innerhalb der ehemaligen Kastellmauern. Winrich von Bürgel veräußerte 1326 zusammen mit dem Gut auch sein Wohnhaus, Wirtschaftsgebäude und einen Baumgarten innerhalb der Kastellanlage an die [https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Deutz Abtei Deutz].
 
Der Hof auf der Scheuern lässt sich heute nicht mehr sicher lokalisieren. Sein Verschwinden steht jedoch wahrscheinlich mit den Veränderungen des Rheinlaufes und den wiederkehrenden Überschwemmungen in Zusammenhang.


=== Die historische Bildüberlieferung ===
=== Die historische Bildüberlieferung ===
Eine unschätzbare Quelle für die Rekonstruktion des historischen Baubestandes stellen die topografisch präzisen Zeichnungen des flämischen Malers [https://de.wikipedia.org/wiki/Renier_Roidkin Renier Roidkin] aus der Zeit um 1735 dar. Seine detailreichen, lavierten Tuschezeichnungen zeigen das Anwesen Haus Bürgel aus einer nord-nordwestlichen Perspektive. Das Landgut ist darin als allseitig geschlossene, rechtwinklige Hofanlage im Zentrum des Bildes dargestellt. Roidkins Arbeiten dokumentieren mit hoher Zuverlässigkeit das damalige herrschaftliche Herrenhaus sowie den mächtigen, im Nordosten aufragenden Turm, welche die landwirtschaftlich genutzten Ställe, Scheunen und Remisen deutlich überragten. Mitten im inneren Wirtschaftshof ist zudem der Turm der alten [[Maternuskapelle]] exakt skizziert. Eingebettet ist das herrschaftliche Gut bei Roidkin in eine weitläufige, parzellierte Acker- und Auenlandschaft, die im Bildvordergrund durch zeittypische allegorische Figuren staffiert wird. Roidkins präzise Skizzen gelten in der Forschung als die wichtigste und realitätsnahe Bildüberlieferung des baulichen Zustands Bürgels in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
 
Eine besonders wichtige Quelle für den baulichen Zustand von Haus Bürgel im 18. Jahrhundert bilden die Zeichnungen des flämischen Malers [https://de.wikipedia.org/wiki/Renier_Roidkin Renier Roidkin] aus der Zeit um 1735. Roidkin stellte Haus Bürgel aus nord-nordwestlicher Richtung dar. Die Anlage erscheint als nahezu geschlossene, rechteckige Hofanlage. Das herrschaftliche Wohngebäude und der mächtige Nordostturm überragen die landwirtschaftlichen Wirtschaftsgebäude. Im Inneren des Hofes ist außerdem der Turm der damaligen [[Maternuskapelle|Maternuskapelle]] erkennbar. Die Zeichnungen Roidkins gehören zu den wichtigsten bildlichen Quellen für die Rekonstruktion des frühneuzeitlichen Baubestandes von Haus Bürgel.
 
[[Datei:RoidkinZonsBuergel.jpg|300px|thumb|right|Zons und Haus Bürgel um 1735. Tuschzeichnung von Renier Roidkin.]]
 
=== Neubau der Maternuskapelle 1774–1776 ===
 
Bereits im 18. Jahrhundert war die ältere Kapelle so baufällig geworden, dass sie vollständig ersetzt werden musste. Nach den [[Schwieren-Chroniken|chronikalischen Aufzeichnungen]] des Zonser [[Küster|Küsters]] [[Johannes Hermann Schwieren]] wurde die alte Kapelle 1774 bis auf den Grund abgebrochen.
 
Der Neubau war zu Ostern 1776 noch nicht fertiggestellt. Daher konnte das Taufwasser in jenem Jahr nicht wie gewohnt in Bürgel geweiht werden, sondern musste ausnahmsweise in Zons durch den Kaplan Gallus Peffgen gesegnet werden. Am 15. Juli 1776 wurde die neue Kapelle feierlich geweiht. An der Weihe waren unter anderem Pfarrer Ferdinand Bodife, Kaplan Gallus Peffgen und mehrere Angehörige des [[Brauweiler (Kloster)|Brauweiler]] beziehungsweise kirchlichen Umfelds beteiligt. Nach der Überlieferung erhielten die anwesenden Kinder aus diesem Anlass ein „Stüber-Brötchen“.
 
=== Die Maternuskapelle vor ihrem Abbruch ===
 
Die Maternuskapelle wurde 1892 und 1894 durch den rheinischen Provinzialkonservator [https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Clemen Paul Clemen] bauhistorisch dokumentiert. Sie war ein einschiffiger, flachgedeckter Saalbau von etwa 7 × 10 Metern. Die Wände bestanden überwiegend aus Tuffsteinquadern, während die Giebel aus Backstein errichtet waren. Im Osten schloss sich ein kleiner, mehrseitiger Chor an.
 
Von besonderem kunst- und kirchengeschichtlichem Wert war ein romanischer Taufstein aus [https://de.wikipedia.org/wiki/Namur Namurer] Blaustein, der vermutlich aus dem 12. Jahrhundert oder früher stammte. Der Taufstein wurde nach dem Abbruch der Kapelle gerettet und gelangte später auf die [https://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Herrnstein Burg Herrnstein an der Sieg]. Heute befindet er sich als Dauerleihgabe in [https://de.wikipedia.org/wiki/St._Nikolai_(Brandenburg_an_der_Havel) St. Nikolai in Brandenburg an der Havel].
 
Im Inneren war die Kapelle schlicht ausgestattet. Über dem westlichen Teil befand sich ein kleines hölzernes Glockentürmchen. Ein bemerkenswertes Detail war ein roh behauener menschlicher Steinkopf im Ostgiebel über dem Chor, den der Volksglaube später als heidnisches Relikt deutete.
 
Um 1903 war die Kapelle bereits stark verfallen. 1916 wurde sie endgültig abgebrochen.


[[Datei:buergel.jpg|300px|thumb|right|Die 1776 fertiggestellte neue Maternus-Kapelle in Haus Bürgel in einer Zeichnung von 1892.]]
[[Datei:buergel.jpg|300px|thumb|right|Die 1776 fertiggestellte neue Maternus-Kapelle in Haus Bürgel in einer Zeichnung von 1892.]]
[[Datei:Buergel_taufst.jpg|300px|thumb|right|Der romanische Taufstein in der Maternuskapelle von Haus Bürgel in einer Zeichnung von 1892.]]
 
=== Die Maternuskapelle vor ihrem Abbruch ===
[[Datei:Buergel_taufst.jpg|300px|thumb|right|Der romanische Taufstein der Maternuskapelle von Haus Bürgel in einer Zeichnung von 1892.]]
Die dem heiligen Maternus geweihte Hof- und Pfarrkapelle wurde in den Jahren 1892 und 1894 durch den [[Paul Clemen|rheinischen Provinzialkonservator Paul Clemen]] umfassend bauhistorisch dokumentiert. Clemen beschrieb die Kapelle als einen einschiffigen, flachgedeckten Saalbau von rund 7 x 10 Metern, der regelmäßig aus Tuffsteinquadern errichtet worden war, während seine Giebel aus Backsteinen bestanden. An der Südseite wies der Tuffsteinbau ein rundbogiges Fenster auf und schloss im Osten mit einem kleinen, bescheidenen fünfseitigen Chorschluss ab. Aus der Frühzeit der Kirche hatte sich ein wertvoller romanischer Taufstein des 12. Jahrhunderts oder älter aus [https://de.wikipedia.org/wiki/Namur Namurer] Blaustein erhalten, welcher nach dem Abbruch der Kapelle gerettet wurde und sich zwischenzeitlich im Privatbesitz auf [https://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Herrnstein Burg Herrnstein an der Sieg] befand. Er steht heute als Dauerleihgabe von Adolf Graf von Nesselrode in [https://de.wikipedia.org/wiki/St._Nikolai_(Brandenburg_an_der_Havel) St. Nikolai in Brandenburg an der Havel]. In der späten Barockzeit war die Kapelle im Inneren schlicht und ohne architektonische Gliederung gestaltet. Sie besaß eine flache Decke und ein kleines, hölzernes Glockentürmchen auf der Westseite des Schieferdaches. Um das Jahr 1903 war die Kapelle bereits vollständig zur Ruine verfallen. Sie wurde 1916 im Zuge des fortschreitenden Verfalls endgültig niedergelegt.
 
=== Entstehung des neuzeitlichen Gutshofs ===
 
Der Charakter von Haus Bürgel wandelte sich in der Neuzeit zunehmend vom befestigten Herrensitz zum landwirtschaftlichen Gutshof. Bereits 1765 wurden an der Westseite neue Stallungen errichtet. Der entscheidende bauliche Einschnitt erfolgte 1837. Unter dem damaligen Eigentümer Graf [https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Droste_Vischering_zu_Nesselrode-Reichenstein Felix Droste zu Vischering] wurden die baufälligen Reste des alten Hauptgebäudes abgebrochen. An ihrer Stelle entstand das heute noch erhaltene zweigeschossige klassizistische Herrenhaus.
 
Die Wirtschaftsgebäude und Teile der Umfassungsmauern wurden in den folgenden Jahrzehnten immer wieder repariert und an die Erfordernisse des landwirtschaftlichen Betriebes angepasst. Dennoch blieben wichtige Reste der älteren Befestigungsanlage erhalten, insbesondere der quadratische Nordostturm mit seinen Kragsteinen für einen früheren hölzernen Wehrgang sowie Teile der Umfassungsmauer, darunter die abgeschrägte Südwestecke.


[[Datei:Bürgel_gesamt_1892.jpg|300px|thumb|right|Die Gesamtanlage von Haus Bürgel mit der Maternuskapelle (A) in einer Zeichnung von 1892.]]
[[Datei:Bürgel_gesamt_1892.jpg|300px|thumb|right|Die Gesamtanlage von Haus Bürgel mit der Maternuskapelle (A) in einer Zeichnung von 1892.]]
=== Entstehung des neuzeitlichen Gutshofs ===
Nach der Säkularisation und dem Übergang der Anlage in Privatbesitz wurde der mittelalterliche Wehrcharakter von Haus Bürgel schrittweise zurückgebaut, um Platz für einen modernen Gutsbetrieb zu schaffen. Bereits im Jahr 1765 wurden an der Westseite der Anlage neue, großzügige Stallungen errichtet. Der tiefgreifendste architektonische Einschnitt erfolgte im Jahr 1837: Unter dem Eigentümer [https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Droste_Vischering_zu_Nesselrode-Reichenstein Graf Felix Droste zu Vischering] wurden die baufälligen Reste des alten Hauptgebäudes abgebrochen und an deren Stelle das heute noch erhaltene, zweigeschossige klassizistische Herrenhaus erbaut. Da die Wirtschaftsgebäude und Umfassungsmauern in der Folgezeit für den landwirtschaftlichen Betrieb fortlaufend repariert, verändert und modernisiert wurden, präsentiert sich das Anwesen heute als neuzeitlicher Großhof. Dennoch blieben bedeutende Reste der mittelalterlichen Bausubstanz im heutigen Bestand erhalten, darunter der quadratische, mit wehrhaften Kragsteinen für einen hölzernen Wehrgang ausgestattete Nordostturm sowie ein Teil der abgeschrägten Umfassungsmauer in der Südwestecke.


== Heutige Nutzung, Naturschutz und Denkmalpflege ==
== Heutige Nutzung, Naturschutz und Denkmalpflege ==


=== Rettung und Restaurierung ===
=== Rettung und Restaurierung ===
Die systematische Instandsetzung der historischen Hofanlage begann in den 1990er Jahren, nachdem die [https://de.wikipedia.org/wiki/Nordrhein-Westfalen-Stiftung_Naturschutz,_Heimat-_und_Kulturpflege "Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege NRW"] das geschichtsträchtige Gut erworben hatte. Die Stiftung finanzierte das anspruchsvolle Sanierungsprojekt, um die Gebäude schrittweise und etappenweise zu renovieren. Ziel dieser hohen Investitionen war es, einen zukunftsträchtigen Mix aus Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege zu etablieren, welcher die Kernbotschaft der NRW-Stiftung ideal widerspiegelt. Verwaltet und betrieben wird das Projekt heute von der "Interessengemeinschaft Urdenbacher Kämpe/Haus Bürgel". Die Geschäftsführung ist optimistisch bezüglich der langfristigen Wirtschaftlichkeit des Betriebs, da die anfallenden Kosten durch Pachteinnahmen sowie den Verkauf von Heu und Obst auf den umliegenden Flächen gedeckt werden können.
 
Nachdem Haus Bürgel über Jahrhunderte als landwirtschaftliches Gut genutzt worden war, begann in den 1990er Jahren eine umfassende Phase der denkmalpflegerischen Sicherung. Die [https://de.wikipedia.org/wiki/Nordrhein-Westfalen-Stiftung_Naturschutz,_Heimat-_und_Kulturpflege NRW-Stiftung] erwarb die Anlage und leitete umfangreiche Sanierungsmaßnahmen ein. Ziel war es, den historischen Baubestand zu erhalten und gleichzeitig eine dauerhafte Nutzung zu ermöglichen, die Denkmalschutz, Naturschutz und kulturelle Vermittlung miteinander verbindet. Heute wird die Anlage im Rahmen der [https://www.hausbuergel.de/ Interessengemeinschaft Urdenbacher Kämpe/Haus Bürgel] genutzt und betreut.


=== Biologische Station Urdenbacher Kämpe ===
=== Biologische Station Urdenbacher Kämpe ===
Einen zentralen Pfeiler des Standortes bildet die Biologische Station, die als eingetragener Verein seit dem Jahr 1996 ihren festen Sitz auf Haus Bürgel hat. Sie zeichnet für die Betreuung von Naturschutzgebieten in [https://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%BCsseldorf Düsseldorf] und im [https://de.wikipedia.org/wiki/Kreis_Mettmann Kreis Mettmann] sowie für die Umsetzung zahlreicher Naturschutzmaßnahmen vor Ort verantwortlich. Hierzu gehört unter anderem die Pflanzung und Pflege von Obstbäumen in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Urdenbacher_K%C3%A4mpe Urdenbacher Kämpe].


Ergänzt wird dieses Naturschutzengagement durch die Pflege des historischen Nutzgartens auf Haus Bürgel, in dem Kräuter- und Gemüsepflanzen aus der Römerzeit und späteren Epochen gezeigt werden, sowie durch ganzjährige Exkursionen. Zudem fischen Biologen der Station seltene Molche aus den umliegenden Gewässern. Neben der ökologischen Arbeit wird auf den Weiden die Jahrhunderte alte Tradition der Kaltblutpferdezucht aktiv fortgeführt.
Seit 1996 befindet sich die Biologische Station auf Haus Bürgel. Sie betreut Naturschutzgebiete in [https://de.wikipedia.org/wiki/Düsseldorf Düsseldorf] und im [https://de.wikipedia.org/wiki/Kreis_Mettmann Kreis Mettmann] und führt zahlreiche Maßnahmen zum Schutz und zur Pflege der Kulturlandschaft der [https://de.wikipedia.org/wiki/Urdenbacher_Kämpe Urdenbacher Kämpe] durch.
 
Ein Schwerpunkt liegt auf den historischen Streuobstwiesen. Auf den Flächen werden unter anderem rund 850 Birnbäume, 400 Apfelbäume und 50 Pflaumenbäume gepflegt. Damit trägt die Station zur Erhaltung einer für die Rheinaue charakteristischen historischen Kulturlandschaft bei.
 
Zum Standort gehören außerdem ein historischer Nutzgarten mit Pflanzen aus unterschiedlichen Epochen, naturkundliche Führungen und Exkursionen sowie Maßnahmen zur Pflege der Gewässer und der Tier- und Pflanzenwelt. Auf den Weideflächen wird darüber hinaus die traditionelle Haltung beziehungsweise Zucht von Kaltblutpferden fortgeführt.


=== Das Römermuseum Haus Bürgel ===
=== Das Römermuseum Haus Bürgel ===
Im Jahr 2003 eröffnete ein archäologisches Römermuseum im Herrenhaus und im historischen Eckturm von Haus Bürgel. In den folgenden Jahren wurde die Ausstellung schrittweise durch zusätzliche Ausstellungsräume im Südwesten der Anlage erweitert. Ein besonderer Anziehungspunkt im Innenhof der Anlage ist der Nachbau eines römischen Steinbackofens, der mit Fördermitteln des [https://de.wikipedia.org/wiki/Landschaftsverband_Rheinland Landschaftsverbandes Rheinland (LVR)] realisiert werden konnte.


Zudem führt ein archäologischer Außenpfad die Besucher entlang der ehemaligen Kastellmauern zu den dezentralen Ausstellungsbereichen. Dieser Pfad macht die Struktur der antiken Anlage erlebbar und zeichnet mithilfe einer speziellen Pflasterung im Boden die Lage des spätrömischen Osttores sowie einiger der zwölf Rundtürme für die Öffentlichkeit nach.
2003 wurde im Herrenhaus und im historischen Eckturm von Haus Bürgel ein archäologisches Römermuseum eröffnet. Die Ausstellung vermittelt die Geschichte des römischen Kastells, seiner Besatzung und seines Umfeldes und wurde im Laufe der Zeit um weitere Räume ergänzt.
 
Ein archäologischer Außenpfad führt entlang des ehemaligen Kastellverlaufs. Im Boden markierte Bereiche machen die Lage des spätrömischen Osttores und einzelner Türme sichtbar und vermitteln den Besuchern die Dimensionen der antiken Befestigung. Im Innenhof befindet sich außerdem ein Nachbau eines römischen Steinbackofens.


=== Der Welterbe-Status ===
=== Der Welterbe-Status ===
Den bedeutendsten Meilenstein für die internationale Anerkennung der Anlage markiert der Sommer 2021. Bereits im Januar 2020 stellten die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz unter der Federführung der Niederlande den offiziellen Antrag, den [https://de.wikipedia.org/wiki/Niedergermanischer_Limes Niedergermanischen Limes] als [https://de.wikipedia.org/wiki/UNESCO-Welterbe UNESCO-Weltkulturerbe] auszuzeichnen. Am 27. Juli 2021 wurde der Limes auf der UNESCO-Komitee-Sitzung im [https://de.wikipedia.org/wiki/Fuzhou chinesischen Fuzhou] offiziell in die Welterbeliste aufgenommen. Haus Bürgel gehört seither als einer von insgesamt 44 archäologischen Fundplätzen des Limes zum UNESCO-Weltkulturerbe "Niedergermanischer Limes".
 
Haus Bürgel ist Bestandteil des [https://de.wikipedia.org/wiki/Niedergermanischer_Limes Niedergermanischen Limes], der am 27. Juli 2021 in die [https://de.wikipedia.org/wiki/UNESCO-Welterbe UNESCO-Welterbeliste] aufgenommen wurde.
 
Der Niedergermanische Limes umfasst zahlreiche archäologische Fundplätze entlang der ehemaligen römischen Grenze am Niederrhein. Haus Bürgel gehört dabei zu den erhaltenen beziehungsweise archäologisch erschlossenen Kastellplätzen und verbindet in besonderer Weise die römische Militärgeschichte mit der späteren mittelalterlichen und neuzeitlichen Entwicklung der Region.
 
== Forschungs- und Rezeptionsgeschichte ==
 
=== Von der Identifizierung mit "Burungum" zur modernen Kastellforschung ===
 
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Haus Bürgel war lange Zeit von der Frage geprägt, welchen antiken Ort die Anlage darstellte. Anton Rein identifizierte das Kastell 1855 mit der in den römischen Straßenverzeichnissen genannten Station ''Burungum''. Diese Gleichsetzung wurde im späteren 19. Jahrhundert widerlegt; insbesondere Franz Cramer stellte 1901 klar, dass ''Burungum'' mit Worringen und nicht mit Bürgel gleichzusetzen ist.
 
Die archäologischen Untersuchungen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts haben anschließend gezeigt, dass Haus Bürgel als eigenständiges spätrömisches Kastell zu verstehen ist. Zugleich wurde deutlich, dass seine Geschichte nicht erst mit dem Bau der Befestigung im 4. Jahrhundert beginnt, sondern bis in die frühe Kaiserzeit zurückreicht.
 
=== Die Frage nach der kirchlichen Priorität von Zons und Bürgel ===
 
Besonders folgenreich ist die neuere Diskussion über das Verhältnis der Kirchen von Zons und Bürgel. Die ältere Forschung nahm vielfach an, Bürgel sei seit frühester Zeit die Mutterkirche von Zons gewesen. Die in der Zonser Überlieferung seit der Frühen Neuzeit verbreitete Vorstellung einer untergegangenen größeren Siedlung Bürgel mit einer eigenständigen Kirche verstärkte dieses Bild zusätzlich.
 
Marion Roehmer hat diese Interpretation 2011 in ihrer Untersuchung zum Verhältnis der Kirchen von Zons und Bürgel grundlegend hinterfragt. Die archäologischen Befunde sprechen danach für eine wesentlich ältere kirchliche Tradition in Zons. Die dortige Martinskirche lässt sich archäologisch bereits in das späte 8. Jahrhundert zurückverfolgen, während die Bürgeler Kirche erst im 12. Jahrhundert sicher urkundlich greifbar ist.
 
Damit erscheint die traditionelle Vorstellung eines von Anfang an bestehenden Mutter-Tochter-Verhältnisses zwischen Bürgel und Zons als problematisch. Vielmehr könnte die Abhängigkeit von Zons von Bürgel erst im Hochmittelalter entstanden sein und mit den damaligen Veränderungen der Besitz-, Lehns- und Herrschaftsverhältnisse zusammenhängen. Eine besondere Rolle spielte dabei offenbar die Familie der Herren von Bürgel, deren Mitglieder sowohl über weltliche Lehen als auch über geistliche Pfründen verfügten (siehe Abschnitt "Die Herren von Bürgel"). Als frühester sicher datierbarer Beleg für das kirchenrechtliche Abhängigkeitsverhältnis gilt weiterhin das Jahr 1361 (siehe Abschnitt "Die kirchenrechtliche Stellung von Zons: ältere und neuere Forschung).
 
Die Geschichte des Verhältnisses von Zons und Bürgel ist daher nicht als unveränderte Kontinuität seit der Spätantike zu verstehen. Vielmehr müssen unterschiedliche historische Ebenen unterschieden werden: die römische Besiedlung des Bürgeler Sandrückens, die frühmittelalterliche kirchliche Entwicklung in Zons, die Ausbildung der Bürgeler Kirche und schließlich die hoch- und spätmittelalterliche Herausbildung eines kirchenrechtlichen Abhängigkeitsverhältnisses.
 
=== Die Legende von der "versunkenen Stadt Bürgel" ===
 
Mit der älteren Zonser Geschichtsschreibung verband sich außerdem die Vorstellung, eine größere Siedlung Bürgel sei durch den Rhein untergegangen. Die noch im 18. Jahrhundert sichtbaren gewaltigen Mauern und Türme der römischen Befestigung konnten dabei leicht als Überreste einer untergegangenen mittelalterlichen Stadt gedeutet werden.
 
Die archäologischen Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass es sich bei den markanten Ruinen im Kern um das spätrömische Kastell handelt. Eine eigenständige mittelalterliche Großstadt an dieser Stelle ist archäologisch nicht nachgewiesen. Das mittelalterliche Bürgel bestand vielmehr aus einer lockeren Gruppe von Höfen und dem herrschaftlichen Gut innerhalb beziehungsweise im Umfeld der alten Kastellmauern. Mehrere dieser Höfe verschwanden im Laufe der Jahrhunderte, wahrscheinlich teilweise infolge der Veränderungen des Rheinlaufes und wiederkehrender Hochwasser.
 
Die ältere Vorstellung einer im Rhein versunkenen großen Stadt Bürgel ist daher als Ergebnis einer späteren historischen Deutung zu verstehen, die die sichtbaren römischen Ruinen mit den mittelalterlichen Orts- und Kirchenüberlieferungen verband.
 
=== Haus Bürgel als Verbindungspunkt von Zons und dem Rheinraum ===
 
Die neuere Forschung macht deutlich, dass Haus Bürgel nicht isoliert betrachtet werden kann. Seine Geschichte verbindet mehrere historische Ebenen: den römischen Grenzschutz am Rhein, die frühmittelalterliche Nachnutzung des Kastellplatzes, die kirchen- und lehnsrechtlichen Beziehungen zu Zons, die spätmittelalterliche Territorialisierung des Rheinraumes und schließlich die neuzeitliche Entwicklung des Gebietes zwischen Kurköln und Berg.
 
Besonders deutlich wird diese Verflechtung am Rheindurchbruch von 1374. Ein Naturereignis veränderte damals nicht nur die Landschaft, sondern trennte zwei bis dahin unmittelbar verbundene Räume voneinander. Dennoch bestanden die älteren kirchenrechtlichen und wirtschaftlichen Beziehungen fort.


== Literatur ==
== Literatur ==
* [[Jost Auler|Auler, Jost]]: ''Archäologisches Museum Haus Bürgel – Betrachtungen zur Situation des Raumes Dormagen in der Römerzeit'', in: Jahrbuch für den Rhein-Kreis Neuss 2006 (2005), S. 8–15.
* [[Jost Auler|Auler, Jost]]: ''Archäologisches Museum Haus Bürgel – Betrachtungen zur Situation des Raumes Dormagen in der Römerzeit'', in: Jahrbuch für den Rhein-Kreis Neuss 2006 (2005), S. 8–15.
* Beyer, Brigitte: ''Fortuna te adiuvet'', in: Archäologie im Rheinland 2003, S. 83–84.
* Beyer, Brigitte: ''Fortuna te adiuvet'', in: Archäologie im Rheinland 2003, S. 83–84.
* Bürschel, Peter/ Gechter, Michael: ''Ausgrabungen in Haus Bürgel'', in: Archäologie im Rheinland 1993, S. 94–96.
* Bürschel, Peter/ Gechter, Michael: ''Ausgrabungen in Haus Bürgel'', in: Archäologie im Rheinland 1993, S. 94–96.
* Cramer, Franz: ''Buruncum – Worringen, nicht Bürgel'', in: Bonner Jahrbücher 107 (1901), S. 190–202.
* Cramer, Franz: ''Buruncum – Worringen, nicht Bürgel'', in: Bonner Jahrbücher 107 (1901), S. 190–202.
* Fischer, Thomas: ''Neue Forschungen im spätrömischen Kastell "Haus Bürgel", Stadt Monheim, Kreis Mettmann'', in: Nicolae Gudae (Hg.): Roman Frontier Studies – Proceedings of the XVIIth International Congress of Roman Frontier Studies, Zalau 1999, S. 337–347.
* Fischer, Thomas: ''Neue Forschungen im spätrömischen Kastell "Haus Bürgel", Stadt Monheim, Kreis Mettmann'', in: Nicolae Gudae (Hg.): Roman Frontier Studies – Proceedings of the XVIIth International Congress of Roman Frontier Studies, Zalau 1999, S. 337–347.
* Fischer, Thomas: ''Zur Herstellung militärischer Bronzen im spätrömischen Kastell Haus Bürgel'', in: H. Friesinger/ K. Pieta/ J. Rajtár (Hgg.): Metallgewinnung und –verarbeitung in der Antike (Schwerpunkt Eisen), Nitra 2000, S. 113–116.
* Fischer, Thomas: ''Zur Herstellung militärischer Bronzen im spätrömischen Kastell Haus Bürgel'', in: H. Friesinger/ K. Pieta/ J. Rajtár (Hgg.): Metallgewinnung und –verarbeitung in der Antike (Schwerpunkt Eisen), Nitra 2000, S. 113–116.
* Freudenberg, Johannes: ''Rezension zu: Anton Rein: Haus Bürgel – das Römische Burungum'', in: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande 23 (1856), S. 141–153.
* Freudenberg, Johannes: ''Rezension zu: Anton Rein: Haus Bürgel – das Römische Burungum'', in: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande 23 (1856), S. 141–153.
* Gechter, Michael: ''Neufunde aus Haus Bürgel'', in: Archäologie im Rheinland 2003, S. 81–83.
* Gechter, Michael: ''Neufunde aus Haus Bürgel'', in: Archäologie im Rheinland 2003, S. 81–83.
* Haberey, Waldemar: ''Kastell Haus Bürgel'', in: Bonner Jahrbücher 157 (1957), S. 294–304 und Taf. 38–44.
* Haberey, Waldemar: ''Kastell Haus Bürgel'', in: Bonner Jahrbücher 157 (1957), S. 294–304 und Taf. 38–44.
* [[Aenne Hansmann|Hansmann, Aenne]]: ''Geschichte von Stadt und Amt Zons''. Mit einem Beitrag von [[Artur Elicker]], [[Jakob Justenhoven]] und [[Herbert Milz]]. Düsseldorf 1973, S. 75–77, 150–153.
* [[Aenne Hansmann|Hansmann, Aenne]]: ''Geschichte von Stadt und Amt Zons''. Mit einem Beitrag von [[Artur Elicker]], [[Jakob Justenhoven]] und [[Herbert Milz]]. Düsseldorf 1973, S. 75–77, 150–153.
* Herchenbach, Wilhelm: ''Haus Bürgel'', in: Monatsschrift des Vereins für die Geschichts- und Alterthumskunde von Düsseldorf und Umgegend (1881), Nr. 4, S. 31–34; Nr. 5, S. 35–38.
* Herchenbach, Wilhelm: ''Haus Bürgel'', in: Monatsschrift des Vereins für die Geschichts- und Alterthumskunde von Düsseldorf und Umgegend (1881), Nr. 4, S. 31–34; Nr. 5, S. 35–38.
* Koenen, Constantin: ''Miscelle "Zum Verständnis von Haus Bürgel"'', in: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande LXXXIX (1890), S. 213–218.
* Koenen, Constantin: ''Miscelle "Zum Verständnis von Haus Bürgel"'', in: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande LXXXIX (1890), S. 213–218.
* Ohligschläger: ''Über Niederlassungen der Römer im Bergischen'', in: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande V/ VI (1844), S. 235–251.
 
* Ohligschläger: ''Über Niederlassungen der Römer im Bergischen'', in: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande V/VI (1844), S. 235–251.
 
* Rein, Anton: ''Haus Bürgel, das Römische Burungum, nach Lage, Namen und Alterthümern''. Krefeld 1855.
* Rein, Anton: ''Haus Bürgel, das Römische Burungum, nach Lage, Namen und Alterthümern''. Krefeld 1855.
* [[Marion Roehmer|Roehmer, Marion]]: ''Hier Zons – hier Haus Bürgel – Zur Frage des gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisses der Kirchen von Zons und Bürgel im Mittelalter'', in: Franz-Josef Radmacher/ Stefan Kronsbein: Archiv und Erinnerung im Rhein-Kreis Neuss – Festschrift für Karl Emsbach (= Schriftenreihe des Kreisheimatbundes Neuss, Nr. 18), Neuss 2011, S. 283–290.
* [[Marion Roehmer|Roehmer, Marion]]: ''Hier Zons – hier Haus Bürgel – Zur Frage des gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisses der Kirchen von Zons und Bürgel im Mittelalter'', in: Franz-Josef Radmacher/ Stefan Kronsbein: Archiv und Erinnerung im Rhein-Kreis Neuss – Festschrift für Karl Emsbach (= Schriftenreihe des Kreisheimatbundes Neuss, Nr. 18), Neuss 2011, S. 283–290.
* Stein, Simone: ''Viehhaltung, Jagd und Fischfang im "Haus Bürgel", einem spätantiken Kastell am Niederrhein'', Inaugural-Dissertation, Tierärztliche Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, München 2000.
* Stein, Simone: ''Viehhaltung, Jagd und Fischfang im "Haus Bürgel", einem spätantiken Kastell am Niederrhein'', Inaugural-Dissertation, Tierärztliche Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, München 2000.
* Tegtmeier, Ursula: ''Verkohlte Hainbuchenhölzer aus römischen Gräbern bei Haus Bürgel'', in: Archäologie im Rheinland 2005, S. 74–76.
* Tegtmeier, Ursula: ''Verkohlte Hainbuchenhölzer aus römischen Gräbern bei Haus Bürgel'', in: Archäologie im Rheinland 2005, S. 74–76.
* Tutlies, Petra: ''Das römische Haus Bürgel und sein Weiterbestehen bis in unsere Zeit'', in: [[Blätter zur Geschichte von Zons und Stürzelberg]], Bd. III (1985), S. 76–86.
* Tutlies, Petra: ''Das römische Haus Bürgel und sein Weiterbestehen bis in unsere Zeit'', in: [[Blätter zur Geschichte von Zons und Stürzelberg]], Bd. III (1985), S. 76–86.

Aktuelle Version vom 13. August 2026, 17:46 Uhr

Haus Bürgel ist eine denkmalgeschützte Hofanlage in der Urdenbacher Kämpe am rechten Niederrhein. Die Anlage geht auf ein spätrömisches Grenzkastell des frühen 4. Jahrhunderts zurück und gehört zu den bedeutendsten archäologischen Fundstätten am Niederrhein. Ursprünglich linksrheinisch gelegen, war Bürgel über eine direkte Landverbindung eng mit Zons verbunden. Erst der große Rheindurchbruch von 1374 trennte die Anlage dauerhaft von Zons und verlagerte sie auf die rechte Rheinseite. Die kirchenrechtliche Verbindung blieb jedoch noch Jahrhunderte bestehen. Haus Bürgel war seit dem Mittelalter ein bedeutendes Lehnsgut verschiedener geistlicher Institutionen und Adelsfamilien und wurde im 19. Jahrhundert zu einem modernen Gutshof mit klassizistischem Herrenhaus umgestaltet.

Seit den 1990er Jahren befindet sich die Anlage im Besitz der NRW-Stiftung. Heute beherbergt Haus Bürgel die Biologische Station Urdenbacher Kämpe und das Römermuseum Haus Bürgel. Seit dem 27. Juli 2021 gehört die Anlage als Bestandteil des Niedergermanischen Limes zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Geografische Lage, Naturraum und Flussdynamik

Die Lage in der Urdenbacher Kämpe

Haus Bürgel liegt heute als solitäre Hofanlage inmitten der weiten, flachen Auenlandschaft der Urdenbacher Kämpe, nördlich des Monheimer Ortsteils Baumberg und südlich von Düsseldorf-Urdenbach. Die Anlage befindet sich etwa 850 Meter vom heutigen Rhein entfernt. Sie liegt auf einem tragfähigen, kiesigen Sandrücken innerhalb einer ansonsten hochwassergefährdeten Niederung. Bei größeren Rheinhochwassern kann die Hofanlage zeitweise von ihrer Umgebung abgeschnitten werden.

Die heutige Hofanlage besitzt eine annähernd rechteckige Grundfläche von etwa 66 × 79 Metern; die Südwestecke ist um rund 33 Meter abgeschrägt. Die heutige Situation ist jedoch das Ergebnis einer jahrhundertelangen Überformung. Der historische Standort ist wesentlich stärker durch die Dynamik des Rheins geprägt worden, als es das heutige Erscheinungsbild zunächst erkennen lässt.

Die ursprüngliche linksrheinische Lage

In der Antike und während des Mittelalters lag Haus Bürgel auf der linken Rheinseite. Der Bürgeler Sandrücken stand unmittelbar mit dem linksrheinischen Zonser Feld in Verbindung. Die römische Fernstraße, deren Verlauf im Wesentlichen der heutigen B 9 entspricht, verlief linksrheinisch. Von ihr führte eine weitere Wegverbindung in gerader Linie auf das spätrömische Kastell zu.

Diese geografische Situation war für die spätere Geschichte von Bürgel und Zons von erheblicher Bedeutung. Die unmittelbare Landverbindung erleichterte nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen, sondern bildete auch die Voraussetzung für die enge kirchenrechtliche Verflechtung beider Orte. Über Jahrhunderte war die Bürgeler Kirche mit Zons verbunden, wobei die traditionelle Forschung davon ausging, dass Bürgel die Mutterkirche und Zons deren Tochterkirche gewesen sei. Neuere Untersuchungen haben diese Vorstellung allerdings grundlegend in Frage gestellt; auf die Forschungskontroverse wird weiter unten eingegangen.

Der Rheindurchbruch von 1374 und seine Folgen

Die Veränderungen des Rheinlaufes zwischen Worringen, Zons und Baumberg sind durch das Durchbrechen großer Flussschlingen geprägt. Der Rhein verlagerte sein Bett im Laufe des Mittelalters wiederholt und tiefgreifend. Dabei bildete sich insbesondere der Bürgeler Rheinmäander heraus, dessen Wurzelbereich sich im Spätmittelalter zunehmend verengte.

Zwischen Weihnachten 1373 und Mai 1374 kam es infolge außergewöhnlich hoher Niederschläge und der einsetzenden Schneeschmelze zu einem lang anhaltenden Hochwasser. Die Koelhoffsche Chronik überliefert das Ereignis als außergewöhnliche Flutkatastrophe. Der heutige Kölner Pegel lässt für dieses Hochwasser eine Höhe von etwa 12,30 Metern rekonstruieren.

Im Frühjahr 1374 durchbrach der Rhein die schmale Landzunge im Bereich des Mäanderhalses nordöstlich von Zons. Dadurch verlagerte sich Hauptstrom dauerhaft und Haus Bürgel wurde mit seinen Ländereien und der Maternuskapelle auf die östliche, nunmehr rechtsrheinische Seite des Stromes verlagert. Die bisherige direkte Landverbindung nach Zons war damit unterbrochen.

Der Zeitpunkt des Ereignisses lässt sich auch aus schriftlichen Quellen erschließen. Noch 1368 wurde die Lage Bürgels im Zusammenhang mit dem Tausch zwischen den Abteien Deutz und Brauweiler als besonders günstig und nah beschrieben. Eine Zehnturkunde vom 1. Dezember 1375 bezeichnet den Pfarrbezirk dagegen ausdrücklich als auf beiden Seiten des Rheins gelegen und beschreibt Bürgel als von Wasser umgebenes Werth (Burgelre werde). Das alte Strombett, der Alte Rhein, blieb noch lange wasserführend und wurde beispielsweise 1437 nachweislich von einem Monheimer Fischmeister befischt.

Die politische und kirchenrechtliche Verbindung zwischen Zons und Bürgel wurde durch den Rheindurchbruch jedoch nicht unmittelbar beendet. Gerade diese Diskrepanz zwischen der natürlichen Trennung und der Fortdauer älterer Rechtsverhältnisse prägte die weitere Geschichte beider Orte.

Archäologie und Antike: Das römische Kastell

Frühe kaiserzeitliche Vorgängerphase (1. bis 3. Jahrhundert)

Das heute sichtbare Kastell von Haus Bürgel entstand erst in der Spätantike. Die römische Nutzung des Bürgeler Sandrückens reicht jedoch wesentlich weiter zurück. Archäologische und historische Hinweise sprechen für eine Besiedlung beziehungsweise Nutzung bereits seit dem 1. Jahrhundert n. Chr.

Ein frühes Indiz sind die bereits 1729 bei Bauarbeiten am damaligen Burghaus entdeckten römischen Münzen. Unter ihnen befanden sich Silber- und Kupfermünzen aus den Regierungszeiten der Kaiser Vespasian (69–79 n. Chr.) und Trajan (98–117 n. Chr.). Diese Funde belegen eine römische Nutzung des Platzes bereits in der frühen Kaiserzeit. Ob daraus allerdings unmittelbar auf ein militärisches Kastell oder einen Beobachtungsposten geschlossen werden kann, ist nicht sicher. Denkbar ist ebenso eine zivile Siedlungs- oder Nutzungsphase im Zusammenhang mit der wichtigen Verkehrs- und Schifffahrtsverbindung am Rhein.

Ein wesentlich stärkerer archäologischer Hinweis auf eine frühe römische Besiedlung ist ein östlich des spätantiken Kastells nachgewiesenes kaiserzeitliches Gräberfeld. In der Nähe der späteren Umfassungsgräben wurden Brandgräber der frühen und mittleren Kaiserzeit, also des 1. bis 3. Jahrhunderts, festgestellt. Hochrechnungen ergeben eine mögliche Zahl von etwa 70 bis 150 Bestattungen. Die zugehörige Siedlung konnte bislang nicht eindeutig lokalisiert werden. Das Gräberfeld belegt jedoch, dass sich auf dem Bürgeler Sandrücken bereits lange vor dem Bau des spätantiken Kastells eine bedeutende römische Bevölkerungs- oder Nutzungsgemeinschaft befand.

Hinzu kommen vier in späterer Zeit als Spolien verwendete Matronensteine. Die Weihesteine sind unter anderem den Matronae Aviaitinehae/Rumanehae, den Alagabiae und den Aufaniae gewidmet. Ihre Zweitverwendung in der späteren Anlage zeigt, dass am Ort bereits in der Kaiserzeit eine entsprechende religiöse Kultpraxis bestand.

Damit zeichnet sich für Haus Bürgel eine deutlich längere römische Vorgeschichte ab, als sie allein aus dem spätantiken Kastell abzuleiten wäre. Die vorhandenen Befunde sprechen für eine kaiserzeitliche Siedlungs- oder Nutzungsphase, ohne dass sich daraus bislang eine eindeutig rekonstruierbare Vorgängerbefestigung ableiten lässt.

Erbauung und historischer Kontext des spätantiken Kastells

Das monumentale spätrömische Kastell wurde im frühen 4. Jahrhundert n. Chr., wahrscheinlich in der konstantinischen Epoche um 315 bis 330, errichtet. Es gehört damit in die Zeit der grundlegenden Neuorganisation der römischen Rheingrenze unter Kaiser Konstantin dem Großen.

Das Kastell besaß eine annähernd quadratische Innenfläche von 64 × 64 Metern und umfasste damit etwa 0,41 Hektar. In seiner Größe und seinem Aufbau steht es dem Kastell Divitia im heutigen Köln-Deutz nahe. Seine Lage unmittelbar am damaligen Rheinlauf machte Bürgel zu einem strategisch wichtigen Punkt für die Überwachung des Flusses und des gegenüberliegenden rechtsrheinischen Raumes.

Die Anlage war Bestandteil der spätantiken Befestigungsorganisation am Rhein. Ihre Funktion bestand nicht allein in der stationären Grenzsicherung, sondern auch in der Kontrolle des Verkehrs auf dem Fluss und der Verbindung zwischen den verschiedenen militärischen Stützpunkten am Niederrhein.

Ein Hortfund von 139 Bronzemünzen aus konstantinischer Zeit, der unter dem Boden einer römischen Badeanlage gefunden wurde, gehört zu den wichtigen Befunden für die Datierung und Nutzung des Kastells.

Architektonischer Aufbau der Festung

Die mächtige Kastellmauer wurde auf dem tragfähigen kiesigen Sandrücken gegründet. Archäologische Untersuchungen haben einen Holzpfostenrost aus Eichenpfählen nachgewiesen. Die Pfähle besaßen einen Durchmesser von etwa 15 Zentimetern und standen in relativ engem Abstand. Auf dieser Gründung errichtete man ein bis zu 2,30 Meter starkes Fundament. Das aufgehende Mauerwerk bestand im Kern aus opus caementicium, also römischem Gussmauerwerk, das mit Tuffbruchsteinen und Mörtel hergestellt wurde. Außen und innen war die Mauer mit sorgfältig bearbeiteten Tuffquadern verblendet. Horizontale Bänder aus roten Ziegeln gliederten und stabilisierten das aufgehende Mauerwerk.

Die Befestigung besaß insgesamt zwölf Türme. An den vier Ecken standen runde Türme mit einem Außendurchmesser von etwa 7,80 Metern. Hinzu kamen acht halbrunde Zwischentürme mit einem Durchmesser von etwa 5,60 Metern. Ihre Anordnung ermöglichte eine wirkungsvolle Flankierung der Wehrmauer und verringerte die Zahl der bei der Verteidigung entstehenden toten Winkel. An der West- und Ostseite befanden sich gegenüberliegende Tore mit Tortürmen. Das Westtor konnte archäologisch freigelegt werden. Vor der Wehrmauer lag ein vorgelagerter Doppelgraben.

Die römische Kaimauer und die Hafenanlage

Die Lage des Kastells unmittelbar am Rhein setzt eine enge Verbindung mit der Schifffahrt voraus. Für die Versorgung der Besatzung und die militärische Kontrolle des Flusses ist daher eine Hafen- beziehungsweise Kaimaueranlage anzunehmen. Archäologisch sind die entsprechenden Anlagen in Bürgel allerdings nicht in dem Umfang erhalten, wie dies für die Kastellmauer gilt. Nach Vergleichen mit anderen römischen Rheinbefestigungen wird eine Konstruktion aus senkrechten Eichenpfählen und einer schweren Steinpackung angenommen. Dabei dürften unter anderem Säulenbasalt und Trachyt verwendet worden sein. Gerade diese hochwertigen Natursteine waren für spätere Bauvorhaben besonders wertvoll.

Militärische Funktion und Besatzung

Haus Bürgel diente in der Spätantike als militärischer Stützpunkt der römischen Rheingrenze. Die Besatzung bestand offenbar zu einem erheblichen Teil aus Soldaten mit germanischem beziehungsweise regionalem Hintergrund. Die archäologischen Befunde lassen auf eine Besatzung von möglicherweise bis zu 150 Soldaten sowie deren Angehörigen schließen. Die Soldaten stammten teilweise aus weiter entfernten Regionen, unter anderem aus dem Elbe-Weser-Gebiet und aus Böhmen. Dies entspricht dem für die spätrömische Armee typischen Bild einer zunehmend aus unterschiedlichen ethnischen und regionalen Gruppen zusammengesetzten Grenzarmee.

Ein besonders aufschlussreicher Fund ist ein römischer Weihestein, der im Fundament eines spätantiken Gebäudes gefunden wurde und von Soldaten der ala Noricorum gestiftet worden war. Diese berittene Einheit war im 2. Jahrhundert im Militärlager Durnomagus im heutigen Dormagen stationiert. Der Fund zeigt, dass beim Bau des spätantiken Kastells ältere römische Bauteile und Steine aus der näheren Umgebung als Spolien wiederverwendet wurden.

Das Ende der römischen Epoche

Das Ende der römischen Herrschaft in Bürgel fällt in die Umbruchszeit des frühen 5. Jahrhunderts. Eine Goldmünze des Kaisers Honorius belegt eine Nutzung des Kastells noch in der Zeit um 400 n. Chr. und steht damit im Zusammenhang mit der letzten Phase römischer Grenzsicherung am Niederrhein.

Die Aufgabe der römischen Rheingrenze im Winter 406/407 bedeutete nicht zwangsläufig eine sofortige Beendigung jeder Nutzung des Kastells. Die archäologischen Befunde weisen vielmehr auf eine von Konflikten und militärischen Auseinandersetzungen geprägte Übergangsphase hin. Mehrere Münzhorte sowie Spuren gewaltsamer Zerstörung lassen auf kriegerische Ereignisse und möglicherweise auf Belagerungen schließen.

Die Datierung der endgültigen Eroberung des Kastells ist in der Forschung nicht völlig einheitlich. Nach neueren Untersuchungen wird eine Zerstörung beziehungsweise Übernahme durch fränkische Gruppen teilweise bereits um 430 n. Chr. angenommen, während andere Datierungen bis etwa 450 reichen. Mit dem Ende der römischen Militärherrschaft ging der Platz in den fränkischen Herrschaftsbereich über.

Forschungs- und Grabungsgeschichte

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Haus Bürgel reicht bis in das 18. Jahrhundert zurück. Bereits 1731 beschrieb Brosius in einer lateinischen Abhandlung die noch deutlich sichtbaren Reste des Kastells und erwähnte zwölf Türme.

Eine erste ausführliche Monografie veröffentlichte 1855 der Krefelder Schuldirektor Anton Rein. Rein identifizierte Haus Bürgel allerdings irrtümlich mit der im römischen Straßenverzeichnis genannten Station Burungum, die tatsächlich mit Worringen in Verbindung gebracht wird. Die Gleichsetzung wurde später durch die Forschung widerlegt.

Die moderne archäologische Untersuchung begann insbesondere mit den Vermessungs- und Sondierungsarbeiten des Rheinischen Landesmuseums Bonn unter Waldemar Haberey in den Jahren 1953 und 1959.

Einen entscheidenden Fortschritt brachten die ab 1993/1994 durchgeführten Grabungen der Universität zu Köln unter der Leitung von Thomas Fischer in Zusammenarbeit mit der Universität Warschau. Die Untersuchungen erschlossen zahlreiche Befunde aus den spätantiken Kasernen- und Wirtschaftsgebäuden und ermöglichten neue Erkenntnisse über die Zusammensetzung und den Alltag der Besatzung.

Im Zusammenhang mit den Sanierungsarbeiten wurden unter Leitung von Michael Gechter bis 2002 weitere Bereiche des Kastells untersucht. Dabei konnten unter anderem Kasernenbauten freigelegt werden, die unmittelbar an das Westtor anschlossen.

Zu den bedeutenden Funden gehören der bereits erwähnte Hort von 139 Bronzemünzen aus konstantinischer Zeit sowie ein weiterer Münzhort von mehr als 800 Münzen aus der Zeit zwischen etwa 375 und 408 n. Chr. Dieser war ursprünglich in einem Kasernengebäude deponiert worden. In karolingischer Zeit wurde der Fundzusammenhang durch die Anlage eines Grabes gestört, wodurch die Münzen im Kastellbereich verstreut wurden.

Frühmittelalter: Fränkische Epoche und die Entstehung von St. Maternus

Übergang zum fränkischen Königsgut

Nach dem Ende der römischen Herrschaft übernahmen ripuarische Franken die Herrschaft am Niederrhein. Das ehemalige Kastell dürfte dabei in den Herrschaftsbereich der fränkischen Könige gelangt sein. Für die folgenden Jahrhunderte ist die schriftliche Überlieferung zu Bürgel allerdings sehr lückenhaft. Archäologische Funde zeigen jedoch, dass der Platz nicht aufgegeben wurde. Zu den bemerkenswerten Hinterlassenschaften gehört der Deckel eines fränkischen Kindersarges, der auf eine frühmittelalterliche Besiedlung hinweist.

Gegen Ende des ersten Jahrtausends verdichten sich die historischen Hinweise. Bürgel erscheint nun als herrschaftlicher Hof beziehungsweise als Teil des königlichen beziehungsweise ottonischen Besitzes. Für das Jahr 980 wird eine Übertragung von Kirche und Herrenhof Bürgel an das Kölner Ursulastift überliefert. Im Jahr 1002 gelangte das Gut im Zusammenhang mit Kaiser Otto III. an den Kölner Erzbischof Heribert.

Erzbischöflicher Besitz und die Deutzer Ära

Erzbischof Heribert von Köln gründete 1003 das Benediktinerkloster in Deutz. Zur wirtschaftlichen Ausstattung der Neugründung übertrug er dem Kloster am 3. Mai 1019 beziehungsweise nach anderer Datierung 1020 das Castrum etiam in Burgela mit dem dazugehörigen Hof sowie die Kapelle in Zons mit ihrem Zehnten.

Die Überlieferung dieser Schenkung ist allerdings nicht unproblematisch. Das Deutzer Urkundenmaterial wurde im 12. Jahrhundert redaktionell überarbeitet und teilweise verfälscht. Gleichwohl bildet die Überlieferung einen wichtigen Ausgangspunkt für die Geschichte der Besitz- und Kirchenverhältnisse von Bürgel und Zons.

1147 bestätigte Papst Eugen III. die Rechte des Klosters. In der päpstlichen Urkunde erscheint Bürgel als castrum beziehungsweise Schloss mit Hof und Kirche.

Durch die Deutzer Besitzrechte entstand eine enge Verbindung zwischen dem Hof Bürgel und den dortigen kirchlichen Einrichtungen. Mit dem Patronatsrecht waren insbesondere Rechte an der Besetzung der Pfarrstelle und an den kirchlichen Einkünften verbunden.

Die Frage nach der Entstehung der Maternuskapelle

Der genaue Zeitpunkt der Errichtung einer dem heiligen Maternus geweihten Kirche oder Kapelle in Bürgel lässt sich nicht sicher bestimmen. Ältere Forschung vermutete teilweise eine sehr frühe Entstehung bereits im Frühmittelalter, vereinzelt sogar in spätantiker Zeit. Für eine solche Datierung gibt es jedoch keinen unmittelbaren schriftlichen Nachweis.

Sicher ist, dass die spätere Maternuskapelle im Zentrum der ehemaligen Kastellanlage lag und damit unmittelbar an die römische Befestigung anknüpfte. Frühmittelalterliche Kirchen wurden nicht selten innerhalb oder unmittelbar auf spätantiken Kastellanlagen errichtet, wobei die vorhandenen römischen Mauern und Bauteile als Baumaterial genutzt werden konnten.

Auch der Maternuskult liefert einen chronologischen Hinweis. Im Erzbistum Köln ist eine stärkere Verbreitung des Maternuspatroziniums erst seit dem 9. Jahrhundert sicher nachweisbar. Eine frühmittelalterliche Entstehung oder Umwidmung der Bürgeler Kirche in dieser Zeit ist daher möglich.

Allerdings hat die jüngere Forschung die traditionelle Vorstellung, Bürgel sei von Anfang an die Mutterkirche von Zons gewesen, grundlegend in Frage gestellt.

Hoch- und Spätmittelalter: Bürgel und Zons

Die Herren von Bürgel

Die enge Verflechtung von Bürgel und Zons lässt sich im Hochmittelalter insbesondere an der Familie der Herren von Bürgel beobachten. Angehörige dieser Familie treten seit dem 12. Jahrhundert als Ministeriale beziehungsweise Lehnsträger in den Quellen auf.

Für 1166, 1183 und 1218 ist ein Konrad von Bürgel (Conradus de Burgela) belegt; 1218 wird außerdem ein Hermann von Bürgel genannt. Besonders aufschlussreich ist eine Urkunde von 1257, in der Konrad von Bürgel als plebanus de Zunce, also als Pfarrer von Zons, erscheint. Die Verbindung zwischen weltlichem Lehnsbesitz und geistlichen Pfründen war damit besonders eng.

1326 veräußerte Winrich von Bürgel mit Zustimmung seines Bruders Andreas, der als Pfarrer von Bürgel bezeichnet wird, das Schloss, die Hälfte der Ländereien und das damit verbundene Patronatsrecht für 1.400 kölnische Mark an die Abtei Deutz. Das Gut erhielt er anschließend als Erbpacht zurück.

Die Inkorporation in die Abtei Brauweiler

In der Mitte des 14. Jahrhunderts verschob sich die kirchenrechtliche Zuständigkeit. Angehörige der Familie Zobbe von Ingendorf standen mit Bürgel in enger Verbindung; Hermann Zobbe, ein Brauweiler Benediktinermönch, wurde 1361 Abt des Klosters.

Am 11. Juni 1361 inkorporierte der Kölner Erzbischof Wilhelm von Gennep die Pfarrkirche in Bürgel einschließlich der Kapelle in Zons in die Abtei Brauweiler. Hintergrund waren unter anderem Auseinandersetzungen um das Patronatsrecht und die wirtschaftliche Situation des Klosters.

Am 20. Juli 1368 kam es schließlich zu einem umfangreichen Tausch zwischen den Abteien Deutz und Brauweiler. Brauweiler erhielt den Hof Bürgel mitsamt dem Patronat über die Maternuskirche und deren Tochterkapelle in Zons; im Gegenzug überließ es Deutz seinen Hof in Bilk mit den dortigen Patronatsrechten. Als Begründung wurde angegeben, dass die jeweiligen Besitzungen für die beiden Klöster jeweils näher und wirtschaftlich günstiger gelegen seien.

Brauweiler veräußerte das Gut bereits 1375 weiter, behielt jedoch das Patronatsrecht über die Bürgeler Kirche und die Kapelle in Zons sowie die großen und kleinen Zehnten beiderseits des Rheins. Die seelsorgliche Verbindung blieb daher trotz des Besitzerwechsels bestehen.

Die kirchenrechtliche Stellung von Zons: ältere und neuere Forschung

Die traditionelle Darstellung der Geschichte von Zons und Bürgel ging davon aus, dass St. Maternus in Bürgel die ursprüngliche Mutterkirche und die Kirche in Zons seit alters her deren Tochterkirche gewesen sei. Diese Vorstellung prägte lange Zeit auch die historische Literatur über Zons.

Die Untersuchungen von Marion Roehmer haben dieses Modell jedoch grundlegend in Frage gestellt. Danach sprechen die archäologischen Befunde eher für eine ältere kirchliche Tradition in Zons. Grabungen im Bereich des Zonser Schlosses haben Hinweise auf eine Holzkirche bereits im späten 8. Jahrhundert ergeben; um 1000 entstand dort eine erste steinerne Saalkirche. Demgegenüber ist eine Kirche in Bürgel erst im 12. Jahrhundert sicher urkundlich greifbar. Die päpstliche Bestätigung von 1147 nennt Bürgel mit Hof und Kirche. Nach dieser Interpretation war Zons daher nicht ursprünglich eine bloße Tochterkirche von Bürgel. Vielmehr könnte sich das Abhängigkeitsverhältnis erst im Hoch- und Spätmittelalter infolge territorialer und lehnsrechtlicher Machtverschiebungen herausgebildet haben. Besonders wichtig ist dabei das Jahr 1361: Erst in diesem Zusammenhang wird Zons in den überlieferten Rechtsverhältnissen ausdrücklich als abhängige Kapelle von Bürgel bezeichnet.

Damit ist die ältere Vorstellung eines seit spätrömischer Zeit bestehenden Mutter-Tochter-Verhältnisses nicht mehr als gesicherte Tatsache anzusehen. Für die Geschichte von Zons ist vielmehr zwischen der archäologisch fassbaren frühen Kirche in Zons und der späteren, im Mittelalter entstandenen kirchenrechtlichen Abhängigkeit zu unterscheiden.

Der Rheindurchbruch von 1374 und die kirchenrechtlichen Folgen

Der oben beschriebene Rheindurchbruch von 1374 (siehe Abschnitt "Der Rheindurchbruch von 1374 und seine Folgen") verschärfte die praktische Problematik der kirchenrechtlichen Verbindung: Bürgel lag nun rechtsrheinisch, Zons blieb linksrheinisch.

Nach der traditionellen Überlieferung blieb St. Maternus in Bürgel zunächst die maßgebliche Pfarr- und Taufkirche. Für die Bewohner von Zons bedeutete dies erhebliche praktische Schwierigkeiten. Die Taufe von Kindern erforderte grundsätzlich die Überquerung des Rheins.

Um diese Situation zu entschärfen, wurde 1423 unter Erzbischof Dietrich von Moers in der 1408 geweihten Zonser Kirche St. Martinus ein eigenes Taufbecken eingerichtet. Die ältere Verbindung zu Bürgel blieb jedoch weiterhin sichtbar. Noch lange bestand die Tradition, am Karsamstag nach Bürgel zu ziehen und dort das Taufwasser für Zons segnen zu lassen.

Erst am 17. Dezember 1593 wurde die Martinskirche in Zons durch eine Urkunde des Kölner Generalvikars Peter Gropper vollständig von der bisherigen kirchenrechtlichen Abhängigkeit gelöst. Gropper verlieh der Kirche die vollen Pfarrrechte und begründete dies insbesondere mit der beschwerlichen Rheinüberquerung sowie der gewachsenen Bedeutung von Zons als Stadt. Die wesentlichen Pfarreinkünfte wurden nach Zons übertragen; Bürgel behielt lediglich die historische Stellung als Mutterkirche beziehungsweise den damit verbundenen Ehrenvorrang.

Das kirchenrechtliche Ende von Bürgel

Im 17. und 18. Jahrhundert verschlechterte sich der Zustand der Maternuskapelle zunehmend. Die jeweiligen Pächter des Gutes waren teilweise reformierten Glaubens und standen der katholischen Nutzung der Kapelle offenbar wenig aufgeschlossen gegenüber. Der Kirchhof wurde zeitweise zweckentfremdet, und es kam sogar vor, dass dem Zonser Pfarrer der Zugang zur Kapelle erschwert wurde. Das Kölner Domkapitel versuchte, die katholische Nutzung zu sichern. Unter anderem wurde angeordnet, dass der Kaplan bei seinen Fahrten nach Bürgel von mehreren Personen begleitet werden sollte.

Seit etwa 1750 erscheint Bürgel in den kirchlichen Registern nicht mehr als eigenständige Pfarrkirche. Die endgültige kirchenrechtliche Neuordnung erfolgte im Zusammenhang mit der französischen Besetzung und der territorialen Neuordnung des Rheinlandes. Nach der Eingliederung Bürgels in das rechtsrheinische Großherzogtum Berg war die alte Verbindung zu Zons auch territorial aufgehoben.

1843 hob der Kölner Erzbischof-Koadjutor Johannes von Geissel die Pfarrei Bürgel wegen ihrer Mittellosigkeit förmlich auf und pfarrte das Gebiet der rechtsrheinischen Pfarrei Monheim beziehungsweise Baumberg ein.

Die Maternuskapelle selbst bestand noch bis ins frühe 20. Jahrhundert. Wegen ihres schlechten baulichen Zustands wurde sie 1916 endgültig abgebrochen.

Besitzgeschichte ab dem Spätmittelalter

Verkauf an Gerhard von Kniprode und Lehensauftragung 1375/1378

Brauweiler verkaufte Haus Bürgel im Dezember 1375 unter Abt Hermann II. Zobbe für 4.000 Gulden an den Ritter Gerhard von Kniprode. Damit endete die unmittelbare klösterliche Grundherrschaft über den Hof.

1378 vollzog Gerhard von Kniprode einen für die weitere Territorialgeschichte bedeutenden Schritt. Er trug Haus Bürgel zusammen mit fünf Hufen Ackerland und zweieinhalb Hufen Weideland dem Kölner Erzbischof Friedrich III. von Saarwerden als kurkölnisches Mannlehen auf.

Bürgel wurde damit formal in das kurkölnische Lehnswesen eingebunden. Die Lage des Gutes war territorial allerdings kompliziert, da sowohl Kurköln als auch das Herzogtum Berg Ansprüche auf den Raum erhoben.

Der territoriale Grenz- und Jurisdiktionsstreit

Aus der lehensrechtlichen Bindung an Kurköln entwickelten sich jahrhundertelange Streitigkeiten zwischen dem kurkölnischen Amt Zons und dem bergischen Amt Monheim.

Im Kern ging es um die Frage, welcher Herrschaft die Gerichtshoheit über Haus Bürgel und das umliegende Bürgeler Werth zustand. Die Zonser Schöffen vertraten bereits 1443 die Auffassung, dass die Bewohner Bürgels den Verpflichtungen gegenüber dem Zonser Gericht unterlägen. Die bergische Seite beharrte dagegen darauf, Bürgel gehöre zum Amt Monheim.

Auch im 16. Jahrhundert setzte sich der Konflikt fort. 1504 protestierte Herzog Wilhelm von Jülich-Berg beim Kölner Erzbischof Hermann IV. gegen die kurkölnischen Ansprüche und verwies darauf, dass Bürgel seit alters zum bergischen Amt Monheim gehöre.

Im Laufe der Zeit gewann Berg im tatsächlichen Vollzug zunehmend Einfluss. Eine kurkölnische Untersuchung von 1698 stellte fest, dass die bergische Seite die Jurisdiktion über Bürgel faktisch ausübte und sich die jeweiligen Besitzer des Gutes je nach Vorteil bald an Köln, bald an Berg orientierten.

Ein Kriminalfall 1739

Wie konkret dieser Jurisdiktionskonflikt werden konnte, zeigt ein spektakulärer Vorfall vom 9. Januar 1739. An diesem Tag wurde der erst 16-jährige Schweinehirt Wilhelm Heinrich Burbach aus Baumberg auf den Stufen des Bürgeler Hausflurs von einem Baumberger mit einem Messer tödlich verletzt. Der Täter war namentlich bekannt. Unmittelbar danach entbrannte ein Streit zwischen den konkurrierenden Gerichten. Bergische Schützen aus Baumberg besetzten auf Befehl des Monheimer Vogts das Gut, um eine Leichenschau durch das Zonser Gericht zu verhindern. Die Monheimer Schöffen untersuchten den Leichnam und ließen ihn anschließend auf dem Bürgeler Kirchhof bestatten.

Das Kölner Domkapitel wertete das Vorgehen als Eingriff in die eigene Gerichtshoheit. Auf seine Anordnung setzten Zonser Gerichtsbeamte über den Rhein, gruben den bereits bestatteten Leichnam wieder aus und führten eine eigene Leichenschau im Namen Kurkölns durch. Anschließend wurde der Tote erneut bestattet. Der Vorfall war damit weit mehr als ein lokaler Kriminalfall: Er wurde zu einem demonstrativen Akt im jahrhundertealten Streit um die territoriale und gerichtliche Zugehörigkeit von Haus Bürgel.

Die Besitzerfamilien

Nach Gerhard von Kniprode gelangte Haus Bürgel durch die Heirat seiner Tochter 1413 an den Ritter Heinrich van Boemelbergh. In der Folgezeit kam das Gut im Erbgang an die Grafen von Limburg, darunter die Linie Limburg, Herren zu Broich. Als die Familie im späten 17. Jahrhundert im Mannesstamm ausstarb und eine weibliche Belehnung nach den kurkölnischen Lehnsbestimmungen nicht möglich war, verkauften die Erbinnen das Gut 1698 an den Freiherrn Franz von Nesselrode.

Damit begann die bis in das 20. Jahrhundert reichende Besitzgeschichte der Familie Droste von Vischering-Nesselrode-Reichenstein (mit Sitz auf Schloss Herten). Nach Franz von Nesselrodes Tod 1707 übernahm sein Sohn Bertram Carl von Nesselrode und Reichenstein die Lehnsherrschaft. Die Besitzer waren zugleich in den bergischen Herrschaftsbereich eingebunden, teilweise auch als Amtsträger von Monheim tätig. Dadurch verstärkte sich der bereits bestehende Gegensatz zwischen der formalen kurkölnischen Lehnshoheit und der tatsächlichen bergischen Territorial- und Gerichtshoheit.

Baugeschichte und architektonische Entwicklung

Der Untergang der Bürgeler Auenhöfe

Das mittelalterliche Bürgel war keine geschlossene Dorfsiedlung, sondern bestand aus einer lockeren Gruppe mehrerer Höfe. Zu diesem Siedlungskomplex gehörten der Große Hof zu Bürgel, der Hof auf dem Driesch, der Hof auf der Scheuern und der herrschaftliche Bauhof.

Der Große Hof und der Driesch-Hof lagen innerhalb der hochwassergefährdeten Rheinschlinge. Der Driesch-Hof wird 1418 ausdrücklich als zwischen dem Hof Bürgel und dem Alten Rhein gelegen bezeichnet. Später wurde er unmittelbar zum Hof Bürgel gezogen.

Der herrschaftliche Bauhof lag innerhalb der ehemaligen Kastellmauern. Winrich von Bürgel veräußerte 1326 zusammen mit dem Gut auch sein Wohnhaus, Wirtschaftsgebäude und einen Baumgarten innerhalb der Kastellanlage an die Abtei Deutz.

Der Hof auf der Scheuern lässt sich heute nicht mehr sicher lokalisieren. Sein Verschwinden steht jedoch wahrscheinlich mit den Veränderungen des Rheinlaufes und den wiederkehrenden Überschwemmungen in Zusammenhang.

Die historische Bildüberlieferung

Eine besonders wichtige Quelle für den baulichen Zustand von Haus Bürgel im 18. Jahrhundert bilden die Zeichnungen des flämischen Malers Renier Roidkin aus der Zeit um 1735. Roidkin stellte Haus Bürgel aus nord-nordwestlicher Richtung dar. Die Anlage erscheint als nahezu geschlossene, rechteckige Hofanlage. Das herrschaftliche Wohngebäude und der mächtige Nordostturm überragen die landwirtschaftlichen Wirtschaftsgebäude. Im Inneren des Hofes ist außerdem der Turm der damaligen Maternuskapelle erkennbar. Die Zeichnungen Roidkins gehören zu den wichtigsten bildlichen Quellen für die Rekonstruktion des frühneuzeitlichen Baubestandes von Haus Bürgel.

Zons und Haus Bürgel um 1735. Tuschzeichnung von Renier Roidkin.

Neubau der Maternuskapelle 1774–1776

Bereits im 18. Jahrhundert war die ältere Kapelle so baufällig geworden, dass sie vollständig ersetzt werden musste. Nach den chronikalischen Aufzeichnungen des Zonser Küsters Johannes Hermann Schwieren wurde die alte Kapelle 1774 bis auf den Grund abgebrochen.

Der Neubau war zu Ostern 1776 noch nicht fertiggestellt. Daher konnte das Taufwasser in jenem Jahr nicht wie gewohnt in Bürgel geweiht werden, sondern musste ausnahmsweise in Zons durch den Kaplan Gallus Peffgen gesegnet werden. Am 15. Juli 1776 wurde die neue Kapelle feierlich geweiht. An der Weihe waren unter anderem Pfarrer Ferdinand Bodife, Kaplan Gallus Peffgen und mehrere Angehörige des Brauweiler beziehungsweise kirchlichen Umfelds beteiligt. Nach der Überlieferung erhielten die anwesenden Kinder aus diesem Anlass ein „Stüber-Brötchen“.

Die Maternuskapelle vor ihrem Abbruch

Die Maternuskapelle wurde 1892 und 1894 durch den rheinischen Provinzialkonservator Paul Clemen bauhistorisch dokumentiert. Sie war ein einschiffiger, flachgedeckter Saalbau von etwa 7 × 10 Metern. Die Wände bestanden überwiegend aus Tuffsteinquadern, während die Giebel aus Backstein errichtet waren. Im Osten schloss sich ein kleiner, mehrseitiger Chor an.

Von besonderem kunst- und kirchengeschichtlichem Wert war ein romanischer Taufstein aus Namurer Blaustein, der vermutlich aus dem 12. Jahrhundert oder früher stammte. Der Taufstein wurde nach dem Abbruch der Kapelle gerettet und gelangte später auf die Burg Herrnstein an der Sieg. Heute befindet er sich als Dauerleihgabe in St. Nikolai in Brandenburg an der Havel.

Im Inneren war die Kapelle schlicht ausgestattet. Über dem westlichen Teil befand sich ein kleines hölzernes Glockentürmchen. Ein bemerkenswertes Detail war ein roh behauener menschlicher Steinkopf im Ostgiebel über dem Chor, den der Volksglaube später als heidnisches Relikt deutete.

Um 1903 war die Kapelle bereits stark verfallen. 1916 wurde sie endgültig abgebrochen.

Die 1776 fertiggestellte neue Maternus-Kapelle in Haus Bürgel in einer Zeichnung von 1892.
Der romanische Taufstein der Maternuskapelle von Haus Bürgel in einer Zeichnung von 1892.

Entstehung des neuzeitlichen Gutshofs

Der Charakter von Haus Bürgel wandelte sich in der Neuzeit zunehmend vom befestigten Herrensitz zum landwirtschaftlichen Gutshof. Bereits 1765 wurden an der Westseite neue Stallungen errichtet. Der entscheidende bauliche Einschnitt erfolgte 1837. Unter dem damaligen Eigentümer Graf Felix Droste zu Vischering wurden die baufälligen Reste des alten Hauptgebäudes abgebrochen. An ihrer Stelle entstand das heute noch erhaltene zweigeschossige klassizistische Herrenhaus.

Die Wirtschaftsgebäude und Teile der Umfassungsmauern wurden in den folgenden Jahrzehnten immer wieder repariert und an die Erfordernisse des landwirtschaftlichen Betriebes angepasst. Dennoch blieben wichtige Reste der älteren Befestigungsanlage erhalten, insbesondere der quadratische Nordostturm mit seinen Kragsteinen für einen früheren hölzernen Wehrgang sowie Teile der Umfassungsmauer, darunter die abgeschrägte Südwestecke.

Die Gesamtanlage von Haus Bürgel mit der Maternuskapelle (A) in einer Zeichnung von 1892.

Heutige Nutzung, Naturschutz und Denkmalpflege

Rettung und Restaurierung

Nachdem Haus Bürgel über Jahrhunderte als landwirtschaftliches Gut genutzt worden war, begann in den 1990er Jahren eine umfassende Phase der denkmalpflegerischen Sicherung. Die NRW-Stiftung erwarb die Anlage und leitete umfangreiche Sanierungsmaßnahmen ein. Ziel war es, den historischen Baubestand zu erhalten und gleichzeitig eine dauerhafte Nutzung zu ermöglichen, die Denkmalschutz, Naturschutz und kulturelle Vermittlung miteinander verbindet. Heute wird die Anlage im Rahmen der Interessengemeinschaft Urdenbacher Kämpe/Haus Bürgel genutzt und betreut.

Biologische Station Urdenbacher Kämpe

Seit 1996 befindet sich die Biologische Station auf Haus Bürgel. Sie betreut Naturschutzgebiete in Düsseldorf und im Kreis Mettmann und führt zahlreiche Maßnahmen zum Schutz und zur Pflege der Kulturlandschaft der Urdenbacher Kämpe durch.

Ein Schwerpunkt liegt auf den historischen Streuobstwiesen. Auf den Flächen werden unter anderem rund 850 Birnbäume, 400 Apfelbäume und 50 Pflaumenbäume gepflegt. Damit trägt die Station zur Erhaltung einer für die Rheinaue charakteristischen historischen Kulturlandschaft bei.

Zum Standort gehören außerdem ein historischer Nutzgarten mit Pflanzen aus unterschiedlichen Epochen, naturkundliche Führungen und Exkursionen sowie Maßnahmen zur Pflege der Gewässer und der Tier- und Pflanzenwelt. Auf den Weideflächen wird darüber hinaus die traditionelle Haltung beziehungsweise Zucht von Kaltblutpferden fortgeführt.

Das Römermuseum Haus Bürgel

2003 wurde im Herrenhaus und im historischen Eckturm von Haus Bürgel ein archäologisches Römermuseum eröffnet. Die Ausstellung vermittelt die Geschichte des römischen Kastells, seiner Besatzung und seines Umfeldes und wurde im Laufe der Zeit um weitere Räume ergänzt.

Ein archäologischer Außenpfad führt entlang des ehemaligen Kastellverlaufs. Im Boden markierte Bereiche machen die Lage des spätrömischen Osttores und einzelner Türme sichtbar und vermitteln den Besuchern die Dimensionen der antiken Befestigung. Im Innenhof befindet sich außerdem ein Nachbau eines römischen Steinbackofens.

Der Welterbe-Status

Haus Bürgel ist Bestandteil des Niedergermanischen Limes, der am 27. Juli 2021 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurde.

Der Niedergermanische Limes umfasst zahlreiche archäologische Fundplätze entlang der ehemaligen römischen Grenze am Niederrhein. Haus Bürgel gehört dabei zu den erhaltenen beziehungsweise archäologisch erschlossenen Kastellplätzen und verbindet in besonderer Weise die römische Militärgeschichte mit der späteren mittelalterlichen und neuzeitlichen Entwicklung der Region.

Forschungs- und Rezeptionsgeschichte

Von der Identifizierung mit "Burungum" zur modernen Kastellforschung

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Haus Bürgel war lange Zeit von der Frage geprägt, welchen antiken Ort die Anlage darstellte. Anton Rein identifizierte das Kastell 1855 mit der in den römischen Straßenverzeichnissen genannten Station Burungum. Diese Gleichsetzung wurde im späteren 19. Jahrhundert widerlegt; insbesondere Franz Cramer stellte 1901 klar, dass Burungum mit Worringen und nicht mit Bürgel gleichzusetzen ist.

Die archäologischen Untersuchungen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts haben anschließend gezeigt, dass Haus Bürgel als eigenständiges spätrömisches Kastell zu verstehen ist. Zugleich wurde deutlich, dass seine Geschichte nicht erst mit dem Bau der Befestigung im 4. Jahrhundert beginnt, sondern bis in die frühe Kaiserzeit zurückreicht.

Die Frage nach der kirchlichen Priorität von Zons und Bürgel

Besonders folgenreich ist die neuere Diskussion über das Verhältnis der Kirchen von Zons und Bürgel. Die ältere Forschung nahm vielfach an, Bürgel sei seit frühester Zeit die Mutterkirche von Zons gewesen. Die in der Zonser Überlieferung seit der Frühen Neuzeit verbreitete Vorstellung einer untergegangenen größeren Siedlung Bürgel mit einer eigenständigen Kirche verstärkte dieses Bild zusätzlich.

Marion Roehmer hat diese Interpretation 2011 in ihrer Untersuchung zum Verhältnis der Kirchen von Zons und Bürgel grundlegend hinterfragt. Die archäologischen Befunde sprechen danach für eine wesentlich ältere kirchliche Tradition in Zons. Die dortige Martinskirche lässt sich archäologisch bereits in das späte 8. Jahrhundert zurückverfolgen, während die Bürgeler Kirche erst im 12. Jahrhundert sicher urkundlich greifbar ist.

Damit erscheint die traditionelle Vorstellung eines von Anfang an bestehenden Mutter-Tochter-Verhältnisses zwischen Bürgel und Zons als problematisch. Vielmehr könnte die Abhängigkeit von Zons von Bürgel erst im Hochmittelalter entstanden sein und mit den damaligen Veränderungen der Besitz-, Lehns- und Herrschaftsverhältnisse zusammenhängen. Eine besondere Rolle spielte dabei offenbar die Familie der Herren von Bürgel, deren Mitglieder sowohl über weltliche Lehen als auch über geistliche Pfründen verfügten (siehe Abschnitt "Die Herren von Bürgel"). Als frühester sicher datierbarer Beleg für das kirchenrechtliche Abhängigkeitsverhältnis gilt weiterhin das Jahr 1361 (siehe Abschnitt "Die kirchenrechtliche Stellung von Zons: ältere und neuere Forschung).

Die Geschichte des Verhältnisses von Zons und Bürgel ist daher nicht als unveränderte Kontinuität seit der Spätantike zu verstehen. Vielmehr müssen unterschiedliche historische Ebenen unterschieden werden: die römische Besiedlung des Bürgeler Sandrückens, die frühmittelalterliche kirchliche Entwicklung in Zons, die Ausbildung der Bürgeler Kirche und schließlich die hoch- und spätmittelalterliche Herausbildung eines kirchenrechtlichen Abhängigkeitsverhältnisses.

Die Legende von der "versunkenen Stadt Bürgel"

Mit der älteren Zonser Geschichtsschreibung verband sich außerdem die Vorstellung, eine größere Siedlung Bürgel sei durch den Rhein untergegangen. Die noch im 18. Jahrhundert sichtbaren gewaltigen Mauern und Türme der römischen Befestigung konnten dabei leicht als Überreste einer untergegangenen mittelalterlichen Stadt gedeutet werden.

Die archäologischen Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass es sich bei den markanten Ruinen im Kern um das spätrömische Kastell handelt. Eine eigenständige mittelalterliche Großstadt an dieser Stelle ist archäologisch nicht nachgewiesen. Das mittelalterliche Bürgel bestand vielmehr aus einer lockeren Gruppe von Höfen und dem herrschaftlichen Gut innerhalb beziehungsweise im Umfeld der alten Kastellmauern. Mehrere dieser Höfe verschwanden im Laufe der Jahrhunderte, wahrscheinlich teilweise infolge der Veränderungen des Rheinlaufes und wiederkehrender Hochwasser.

Die ältere Vorstellung einer im Rhein versunkenen großen Stadt Bürgel ist daher als Ergebnis einer späteren historischen Deutung zu verstehen, die die sichtbaren römischen Ruinen mit den mittelalterlichen Orts- und Kirchenüberlieferungen verband.

Haus Bürgel als Verbindungspunkt von Zons und dem Rheinraum

Die neuere Forschung macht deutlich, dass Haus Bürgel nicht isoliert betrachtet werden kann. Seine Geschichte verbindet mehrere historische Ebenen: den römischen Grenzschutz am Rhein, die frühmittelalterliche Nachnutzung des Kastellplatzes, die kirchen- und lehnsrechtlichen Beziehungen zu Zons, die spätmittelalterliche Territorialisierung des Rheinraumes und schließlich die neuzeitliche Entwicklung des Gebietes zwischen Kurköln und Berg.

Besonders deutlich wird diese Verflechtung am Rheindurchbruch von 1374. Ein Naturereignis veränderte damals nicht nur die Landschaft, sondern trennte zwei bis dahin unmittelbar verbundene Räume voneinander. Dennoch bestanden die älteren kirchenrechtlichen und wirtschaftlichen Beziehungen fort.

Literatur

  • Auler, Jost: Archäologisches Museum Haus Bürgel – Betrachtungen zur Situation des Raumes Dormagen in der Römerzeit, in: Jahrbuch für den Rhein-Kreis Neuss 2006 (2005), S. 8–15.
  • Beyer, Brigitte: Fortuna te adiuvet, in: Archäologie im Rheinland 2003, S. 83–84.
  • Bürschel, Peter/ Gechter, Michael: Ausgrabungen in Haus Bürgel, in: Archäologie im Rheinland 1993, S. 94–96.
  • Cramer, Franz: Buruncum – Worringen, nicht Bürgel, in: Bonner Jahrbücher 107 (1901), S. 190–202.
  • Fischer, Thomas: Neue Forschungen im spätrömischen Kastell "Haus Bürgel", Stadt Monheim, Kreis Mettmann, in: Nicolae Gudae (Hg.): Roman Frontier Studies – Proceedings of the XVIIth International Congress of Roman Frontier Studies, Zalau 1999, S. 337–347.
  • Fischer, Thomas: Zur Herstellung militärischer Bronzen im spätrömischen Kastell Haus Bürgel, in: H. Friesinger/ K. Pieta/ J. Rajtár (Hgg.): Metallgewinnung und –verarbeitung in der Antike (Schwerpunkt Eisen), Nitra 2000, S. 113–116.
  • Freudenberg, Johannes: Rezension zu: Anton Rein: Haus Bürgel – das Römische Burungum, in: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande 23 (1856), S. 141–153.
  • Gechter, Michael: Neufunde aus Haus Bürgel, in: Archäologie im Rheinland 2003, S. 81–83.
  • Haberey, Waldemar: Kastell Haus Bürgel, in: Bonner Jahrbücher 157 (1957), S. 294–304 und Taf. 38–44.
  • Herchenbach, Wilhelm: Haus Bürgel, in: Monatsschrift des Vereins für die Geschichts- und Alterthumskunde von Düsseldorf und Umgegend (1881), Nr. 4, S. 31–34; Nr. 5, S. 35–38.
  • Koenen, Constantin: Miscelle "Zum Verständnis von Haus Bürgel", in: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande LXXXIX (1890), S. 213–218.
  • Ohligschläger: Über Niederlassungen der Römer im Bergischen, in: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande V/VI (1844), S. 235–251.
  • Rein, Anton: Haus Bürgel, das Römische Burungum, nach Lage, Namen und Alterthümern. Krefeld 1855.
  • Roehmer, Marion: Hier Zons – hier Haus Bürgel – Zur Frage des gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisses der Kirchen von Zons und Bürgel im Mittelalter, in: Franz-Josef Radmacher/ Stefan Kronsbein: Archiv und Erinnerung im Rhein-Kreis Neuss – Festschrift für Karl Emsbach (= Schriftenreihe des Kreisheimatbundes Neuss, Nr. 18), Neuss 2011, S. 283–290.
  • Stein, Simone: Viehhaltung, Jagd und Fischfang im "Haus Bürgel", einem spätantiken Kastell am Niederrhein, Inaugural-Dissertation, Tierärztliche Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, München 2000.
  • Tegtmeier, Ursula: Verkohlte Hainbuchenhölzer aus römischen Gräbern bei Haus Bürgel, in: Archäologie im Rheinland 2005, S. 74–76.